TRÖSTLICHE NACHRICHTEN AUS DEM „ANDEREN“ MALI – Ballaké Sissoko, le maître de la kora et sa musique de tolérance et de franchise

Désolée, pas de version française d’abord

Nachrichten aus dem anderen Mali
Ballaké Sissoko ist einer der besten Spieler der Kora, der malischen Stegharfe. Während sein Heimatland in Chaos versinkt, erzählt seine Musik von Toleranz und Offenheit.
DIE ZEIT – 19. Juni 2021, 18:08
Von Jonathan Fischer
Aus Mali gibt es derzeit vor allem katastrophale Nachrichten. Dschihadisten, Drogendealer und sich befehdende ethnische Milizen kontrollieren einen Großteil des westafrikanischen Landes. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Korruption durchdringt alle Teile des Staates. Und dann hat das Militär gerade zum zweiten Mal innerhalb von neun Monaten geputscht. Die Untergangsspirale scheint sich immer schneller zu drehen.
Kann da ein neues Musikalbum eines malischen Virtuosen der Kora, der traditionellen Stegharfe, mehr sein als eine tröstliche Randnotiz? Eine Blüte in einer Ruinenlandschaft?

Foto (c) Benoît Peverelli : Ballaké Sissoko : „So arm Mali auch sein mag, unsere Musik hat uns den Respekt der ganzen Welt eingebracht“

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Wer allerdings weiß, was Musik für die Gesellschaft Malis bedeutet, der hört in Ballaké Sissokos neuem Werk Djourou mehr als Unterhaltung. Weit mehr. Das liegt auch daran, dass der 54-jährige als Griot – so bezeichnet man die Hofsänger und Berater der Könige in der Mandingue-Kultur – eine archaische Familientradition weiterführt. Als Mandingue, sie werden auch Mandingo oder Malinke geschrieben, bezeichnet sich eine vor allem in Mali, Guinea und Senegal verbreitete Ethnie. Sie sehen sich als Nachfahren der früheren Königreiche von Mali, die seit dem Mittelalter den Handel zwischen dem Maghreb und Westafrika kontrollierten und dabei großen wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum anhäuften. Griots wie Sissoko nun werden nicht nur für ihre Virtuosität gefeiert. Sondern auch für die Fähigkeit, mit ihrer Musik moralische Botschaften zu überbringen, den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten zu fördern.

„Im Vielvölkerstaat Mali liefert uns Musik den einzig verlässlichen Kitt“, sagt Sissoko am Telefon, er hält sich da gerade in seiner Villa in der malischen Hauptstadt Bamako auf. „Ohne Musik wäre das Land schon längst auseinandergefallen.“


Es ist eine vieltausendjährige Historie: Immer haben die Ethnien des Südens und Nordens über den Niger hinweg Handel getrieben, Geschichten und Musik ausgetauscht. In einer Gesellschaft, die heute noch zu zwei Dritteln aus Analphabeten besteht, transportieren die Songs der Griots stets auch eine gute Portion Geschichts- und Ethikunterricht: Ermahnungen zu guter Nachbarschaft etwa, harter Arbeit und Rechtschaffenheit. Malische Popstars wie Salif Keita, Tinariwen, Oumou Sangaré oder eben Ballaké Sissoko besitzen eine moralische Autorität, die den dortigen Politikern oft abgeht. Die Dschihadisten, die 2012 ein Jahr lang den Norden Malis besetzt hielten, ließen Musik verbieten, drohten Musikern und Musikerinnen mit dem Abhacken der Hände und verbrannten deren Instrumente.

„So arm Mali auch sein mag, unsere Musik hat uns den Respekt der ganzen Welt eingebracht“, sagt Ballaké Sissoko. Neben seinem Cousin Toumani Diabaté ist er der wohl berühmteste Kora-Spieler Malis. Einerseits repräsentiert er den Mythos der alten Mandingue-Kultur, andererseits hat er sein halbes Leben damit verbracht, das Repertoire der Kora-Musik zu erweitern. Hat er, der Welteroberer mit der Stegharfe, unter der Pandemie gelitten? Sissoko lacht. Nein, endlich habe er mal Zeit mit seiner Familie und seinen acht Kindern verbringen können. Sein Erspartes und ein Zweithaus in Paris machen ihn finanziell relativ unabhängig. „Ich bin die Ausnahme“, räumt er allerdings ein. Denn die meisten malischen Musiker und Griots lebten von der Hand in den Mund. Zwar gingen Hochzeiten, Taufen und Familienfeiern, wo sie spielen konnten, auch während der Pandemie weiter, aber niemand habe Geld, um die Griots anständig zu bezahlen.

Sissokos Sonderstellung wurde deutlich, als sein Instrument im Februar 2020 nach seiner Rückkehr von einer US-Tournee zerbrochen in Bamako ankam. Die US-Zollbehörden bestritten zwar jede Verantwortung. Doch unter anderem die BBC, der Guardian und die New York Times griffen die Story auf, während das Kultusministerium in Bamako eine Solidaritätsadresse für Sissoko auf seiner Website veröffentlichte. „Hätten sie das auch mit einem weißen Musiker, der ein klassisches Instrument spielt, zu tun gewagt?“, empörte sich die Managerin des Maliers. Am Ende aber nützte Sissoko die Affäre womöglich gar: „Es hat mir viel internationale Medienaufmerksamkeit gebracht“, sagt er selbst. „Und niemals hatte ich erwartet, dass meine Fans Spendenaufrufe für mich lancieren würden.“ Knapp 11.000 Euro seien so für ein neues Instrument zusammengekommen.

Foto (c) Benoît Peverelli: Ballaké Sissokos Instrument, die Kora

Allerdings lässt sich eine Kora nicht so leicht ersetzen – schon weil ihre Anfertigung mit quasi-religiösen Riten verbunden ist. „Eine Kora zu bauen, ist eine Art Taufe“, sagt Sissoko. „Ich muss persönlich dabei sein, um über die Details zu wachen.“ Der Korpus der Kora wird aus Kalebasse gefertigt, dem ausgehöhlten Flaschenkürbis; die Kürbisschale wird mit Kuhfell bespannt, der Hals besteht aus Hartholz. Ballaké Sissokos Mutter, die das wiederum von ihrem Vater gelernt hat, ist dafür verantwortlich, die richtige Kalebasse für den Korpus zu finden. Die Form der Kürbisschale beeinflusse Akustik und Klangfarbe, sagt Sissoko, und dann komme es noch auf die richtige Kuhhaut an. Schließlich müsse das Fleisch der dafür geopferten Kuh in einem festlichen Akt an die Nachbarschaft verteilt werden. Was diese Zeremonien betrifft, werde er immer den alten Traditionen folgen.

Sissokos Musik dagegen klingt hochmodern. Immer wieder hat der Griot mit Vertretern des Jazz, Blues und außerafrikanischer Folklore zusammengespielt. Und dabei das Spiel auf der Kora-Harfe revolutioniert. „Schon als junger Musiker hat mich das Fremde fasziniert“, sagt er. „Warum, dachte ich, soll ich daheim in meiner Kaserne bleiben?“ Sissokos Vater, Djelimady Sissoko, war selbst einer der berühmtesten Griots seiner Zeit. Als er 1980 starb, wurde der damals 13-jährige Ballaké nicht nur zum Ernährer der Familie. Er nahm auch den Platz des Vaters im National Instrumental Ensemble ein, dem Orchester der besten Instrumentalisten des Landes. Im Jahre 1999 machte er sich erstmals international einen Namen: Mit seinem Cousin Toumani Diabaté spielte er das Album New Ancient Strings ein, eine Hommage an den 1970 von den Vätern der beiden eingespielten Klassiker der Kora-Musik, Ancient Strings.

Zwar kam Sissoko erst mit Anfang 20 zum ersten Mal mit westlicher Musik in Berührung. Doch bald danach schloss er Freundschaften mit Musikern aus den unterschiedlichsten Kulturen, adaptierte Techniken von Sitar, Oud und Flamenco-Gitarre, nahm Alben auf, auf denen alle Beteiligten gemeinsam musikalisches Neuland kartierten. Etwa 2003 auf Diario Mali mit dem italienischen Pianisten Ludovico Einaudi; 2009 und 2015 mit dem französischen Violincellisten Vincent Ségal bei Chamber Musique und Musique de Nuit; oder 2017 auf dem Album Anarouz von 3MA, das Sissoko zusammen mit dem marokkanischen Oud-Spieler El-Malouni und Rajery aus Madagaskar einspielte.


Auch auf seinem neuen Album Djourou quert Sissoko neue Grenzen. Zu repetitiv perlenden Zupfmustern ließ er nicht nur heimische Kollegen wie Salif Keita singen, die „goldene Stimme Malis“, sondern holte sich Mitstreiter aus allen möglichen Genres ins Studio. Etwa die Pariser Chanteuse Camille, die in Kora eine Liebeserklärung an Sissokos Instrument flüstert, seufzt und gurrt. Mit Singer-Songwriter Piers Faccini intoniert er die melancholische Liebesballade Kadidja, und im Stück Un Vetement Pour La Lune lässt Sissoko Arthur Teboul von der Folkrockband Feu! Chatterton den Mond anheulen. Einer der stärksten und gleichzeitig beseeltesten Momente auf dem Album ist Frotter Les Mains mit dem malisch-französischen Rapper Oxmo Puccino. Dieser sprechsingt davon, sich die Hände zu reiben, die Vereinzelung und Spaltung nicht nur der Pandemie zu überwinden – und zeigt gleichzeitig, wie nah sich Hip-Hop und Griot-Tradition kommen können.

Sissoko vermeidet dabei jeden musikalischen Bombast. Egal ob Vincent Ségals Cello oder – in einer Adaption von Berlioz‘ Symphonie Fantastique – Patrick Messinas Klarinette Sissokos Kora untermalt: Der malische Meister spielt keine einzige überflüssige Note. Alles fließt bei ihm auf eine leichtfüßige und zurückhaltende Art ineinander. Individueller Show-Off ist seiner Musik fremd. Vielmehr liegt die Magie der Kora darin, dass Sissoko mit ihr verschiedene Stimmen und musikalische Nebenflüsse verbindet. In Mali heißt es, die Kora öffne die Seelen der Hörer, stelle die Verbindung zum Reich der Geister und Ahnen her.

Der Albumtitel Djourou bedeutet übersetzt „Band“ oder „Verbindung“. Und das bezieht Sissoko nicht nur auf seine musikalischen Partnerinnen und Partner. Sondern auch auf die gemeinsame Geschichte aller Malier. Singt die Kora nicht auch immer ein Lied von einem Land der Toleranz, Musik und Gelehrsamkeit, das seit dem 13. Jahrhundert einige der bedeutendsten Königreiche Westafrikas hervorbrachte? Was vermögen schon Stromausfälle, putschende Offiziere, die Querelen des politischen Tagesgeschäfts an dieser ruhmreichen malischen Tradition zu kratzen?

Explizit politisch mag sich Ballaké Sissoko zwar nicht äußern, „als Griot“, sagt er, „adressiere ich die Mächtigen lieber unter vier Augen“. Doch als Musiker konfrontiert er die konservative Gesellschaft Malis mit durchaus emanzipatorischen Ansätzen. Das zeigt sich vor allem an seiner Förderung weiblicher Kora-Spielerinnen. Früher war das Instrument für Nichtangehörige von Griot-Familien und insbesondere für Frauen tabu. Sissoko hingegen lud für das Titelstück des Albums die gambische Kora-Spielerin Sona Jobarteh ein und überließ deren flirrendem Spiel und Sirenengesang weitgehend das Feld. „Üblicherweise läuft die Übertragung der Griot-Tradition vom Vater auf den Sohn“, sagt Sissoko noch am Telefon. „Ich aber habe entschieden, meine Söhne überall zu suchen …“ Dann wiederholt er den Satz: „Ich aber habe entschieden …“ Die Söhne, so kann man das nur verstehen, können bei Ballaké Sissoko auch Schwestern sein. Und so enthält seine Musik immer auch gute Nachrichten aus diesem Land Mali.
© 2021 zeit.de

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