EVERYDAYSAFRICA AUF INSTAGRAM U.A. GEGEN DIE STEREOTYPE ÜBER AFRIKA – Everydayafrica contre les stéréotypes qui ont longtemps défini l’Afrique de l’extérieurinstagram

Afrika ist mehr als arm und hungernd: Der Instagram-Account «everydayafrica» zeigt eine Wirklichkeit fernab der Stereotype
Neue Zürcher Zeitung – 19.1.2019
Von Fabian Urech
Ein Fotografenkollektiv hat genug vom eindimensionalen Afrika-Bild, das von westlichen Medien übermittelt wird. Mit seiner Arbeit gibt es Einblick in einen afrikanische Alltag voller farbiger, heiterer Beiläufigkeit.

In den MALI-INFORMATIONEN war das neulich schon einmal Thema / Sur le même sujet dans MALI-INFOS du 25.12.2018: FOTOS AUS MALIS FOTOGRAFENSCHMIEDE FÜR GETTY IMAGES – « Nous ne nous laissons pas réduire aux problèmes de l’Afrique »

UND weiter unten: Read an Interview with Peter DiCampo

Hunger, Konflikte, Despoten: Viele der Bilder aus Afrika, die den Weg nach Europa finden, lassen den Kontinent wie eine von Katastrophen geprägte Ödnis ohne Zukunft erscheinen. Was abseits der Krisenherde geschieht – also in der grossen Mehrzahl der Länder, Städte und Dörfer des Kontinents –, bleibt medial oft unterbelichtet. In hiesigen Breitengraden fehlt dadurch vielen Beobachtern ein konkretes Bild des afrikanischen Alltags. Die Folge sind pauschale Zerrbilder, die auf einem alten, fatalistischen Klischee beruhen: Afrika als Ort der ausweglosen Misere und der blutigen Kriege, Afrika als «Herz der Finsternis».

Foto (c) everydayafrica/Jane Hahn: Une Malienne conduisant une moto traverse le Niger dans la capitale Bamako – Eine Motorradfahrerin überquert den Fluss Niger in Malis Hauptstadt Bamako.
=> Bildstrecke mit 12 weiteren Fotos von everydayafrica / VOIR la galérie de photos
– Übertrieben, vereinfachend, unvollständig –
Der amerikanische Journalist Austin Merrill hatte bereits vor Jahren das Gefühl, dass die einseitigen Assoziationen, die viele Menschen im Westen mit Afrika verbinden, auch mit Personen wie ihm zusammenhängen. «Die Berichte und Fotos von Reportern und Fotografen in Afrika zeigen vor allem Kindersoldaten, aufgeblähte Hungerbäuche und korrupte Regime», sagt Merrill im Gespräch. «Dadurch wird ein Bild des Kontinents zementiert, das übertrieben, vereinfachend und unvollständig ist.»
Als Merrill vor einigen Jahren in Côte d’Ivoire als freier Korrespondent stationiert war, hatte er oft das Gefühl, dass neben den Berichten über Armut, Flüchtlinge und Bürgerkriege kaum Platz war für anderes. «Diese Krisen waren zweifellos wichtig, aber es gab so viel mehr zu erzählen.» Für Geschichten zum afrikanischen Alltag fand der Reporter oft aber schlicht keine Abnehmer. «Das war frustrierend für mich. Und es führte zu dem Gefühl, dass wir das, was für die Menschen in der Region am wichtigsten ist, weitgehend ignorieren.»
Während einer Reportagereise im Jahr 2012 beschloss Merrill, etwas gegen das medial vermittelte Afrika-Stereotyp zu unternehmen. Zusammen mit dem amerikanischen Fotografen Peter DiCampo rief er eine fotografische Plattform ins Leben, die den afrikanischen Alltag ins Zentrum stellt. Unter dem Namen «everydayafrica» richteten die beiden auf der Social-Photo-App Instagram einen Account ein und posteten ein erstes Foto: ein kleinformatiges, mit dem Smartphone geknipstes Bild aus einem ivoirischen Regierungsgebäude. Es zeigt drei Angestellte in einem Lift – eine alltägliche Szene in der geschäftigen Hauptstadt Abidjan, ein unprätentiöses Bild ohne Dramatik. «Ich und Peter sind überzeugt, dass wir ohne diesen Blick auf normale, alltägliche Szenen Afrika stets als arm und hungernd sehen werden», sagt Merrill.

„Afrika ins rechte Licht rücken“
Nana Kofi Acquah, Peter DiCampo, Austin Merrill (Hrsg.): Everyday Africa – 30 Photographers Re-Picturing a Continent. Kehrer-Verlag, Heidelberg 2017. 440 S.
nicht mehr lieferbar, aber hier zum Ansehen

– Grosse Resonanz –
Rasch zeigte sich, dass die beiden Initianten mit ihrer Idee einen Nerv der Zeit trafen. Bald schlossen sich andere Fotografen dem virtuellen Kollektiv an, unter ihnen viele junge Afrikaner. Rasch stieg auch die Reichweite der veröffentlichten Fotos. Heute zählt «everydayafrica» auf Instagram 391 000 Follower (z.Zt. kommen monatlich etwa 2000 dazu, Ed), einige der grössten Zeitungen der USA haben bereits Bilder aus seinem Fundus abgedruckt. Der ghanaische Fotograf Nana Kofi Acquah, eines der Mitglieder des Kollektivs, sagte unlängst: «Das ist wohl die grösste visuelle Bibliothek des Kontinents.»
Eines der vielfältigsten Abbilder des Lebens in den 54 afrikanischen Ländern ist die Sammlung zweifellos. Die Fotos zeigen spontane Eindrücke von Menschen bei der Arbeit, beim Sporttreiben oder beim Einkaufen – Szenen, die in westlichen Medien kaum je zu sehen sind. Ein Billardsalon in Mauretanien etwa, ein Schuhputzer in Guinea, ein Vater, der seine Kinder in Ghana auf einem Motorrad zur Schule fährt, ein Schwimmbad in Burundi: unverfälschte Momentaufnahmen, die ein Afrika-Bild jenseits von Krisen-Klischee und Safari-Romantik vermitteln.
– Raus aus den Studios –
«Everydayafrica» steht aber nicht nur für das Aufbrechen von Stereotypen, es widerspiegelt auch das Aufblühen der Fotografie in Afrika. Zwar tauchten in einigen afrikanischen Hauptstädten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Fotoapparate auf. Lange blieb die Fotografie auf dem Kontinent aber ein blosses Handwerk, das vorab in kleinen Studios praktiziert wurde und sich auf das Knipsen von Bildern für offizielle Dokumente beschränkte. Pressebilder aus Afrika stammten derweil während Jahrzehnten fast ohne Ausnahme von westlichen Fotografen.
Seit es Internet, Smartphones und Digitalkameras gibt, hat sich das stark geändert. Gerade die junge Generation Afrikas nutzt die neuen technischen Möglichkeiten genauso rege wie ihre europäischen Altersgenossen. Zugleich gibt es eine wachsende Anzahl professioneller afrikanischer Presse- und Kunstfotografen, die der Welt ihren eigenen Blick auf Afrika vermitteln.
Für Merrill und DiCampo war die Förderung junger afrikanischer Fotografen von Beginn weg eines der Ziele von «everydayafrica». «Es ist enorm wichtig, dass afrikanische Fotografen das globale Bild ihres Kontinents mitprägen», unterstreicht Merrill. Inzwischen sind über die Hälfte des auf mehrere Dutzend Fotografene angewachsenen Kollektivs afrikanischen Ursprungs. Vor zwei Jahren etablierte das Kollektiv zudem die weltweit erste Online-Datenbank afrikanischer Fotografen, die African Photojournalism Database.
Noch aber bleibt viel zu tun. Laut der Organisation World Press Photo, die jährlich den grössten und prestigeträchtigsten Fotowettbewerb der Welt durchführt, stammten zuletzt nur zwei Prozent der teilnehmenden Fotografen aus Afrika. «Wir machen Fortschritte, aber nur langsam», so Merrill. Das sei aber nicht nur in den Ländern Afrikas so: «In Brasilien oder Indien ist die Situation ähnlich unbefriedigend. Gleiches gilt für Fotografinnen. Eigentlich werden bis heute alle Fotografen diskriminiert, die nicht weiss und männlich sind.»
© 2019 nzz.ch

READ ALSO an interview with one of the founders of Everyday Africa, an inspiring Instagram feed that delivers fresh, insightful images daily that counter the crippling stereotypes that have long defined an entire continent’s image from the outside.
Interview with Peter DiCampo on
http://www.lensculture.com

Everyday Africa combats the clichés that depict Africa as a place of only poverty, disease, and war. Featuring the finest images from the acclaimed social media project, the book showcases photos of ordinary life that find beauty in stories rarely seen, shifting perception from the sensationalized extremes to a more textured, familiar reality. Photographs run alongside sections of Instagram commentary inspired by the images. Shocking, funny, and heartfelt, the comments are lighthearted one moment, caustic the next, speaking volumes about widely held perceptions of Africa while underscoring the continent’s increased connectivity in a globalized world. Together they justify the project’s very existence. Created in 2012 by Peter DiCampo and Austin Merrill, Everyday Africa has 288,000 followers on Instagram and has been published in media outlets worldwide. Exhibition cities include New York, Casablanca, Istanbul, Delhi, and Cambridge.
© 2017 Kehrer Verlag

Hinweis/Note: Video showing Austin Merrill, a New York writer and editor, delivering this presentation on April 16, 2015. Everyday Africa is a photography project aimed at casting a more accurate understanding of day-to-day life in Africa. The project was started by Merrill with Peter DiCampo. http://www.everydayafricaproject.com

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