ARCHIVBEITRAG: AUF PATROUILLE MIT DEN DEUTSCHEN BLAUHELMSOLDATEN IN GAO

Deutsche Soldaten in Mali
Auf Wache mit der Kamelspinne

Gao (n-tv) – 31.10.2016
Von n-tv Reporterin Svenja Kleinschmidt

Das Video (4 min) zum Beitrag: Patrouillenfahrt
Einsatz ist „schlimmer als in Afghanistan“
n-tv.de – 19.11.16

Es gibt, grob gesagt, drei Gründe, warum deutsche Soldaten im Camp Kastor in Gao plötzlich loslaufen: Sie trainieren für den nächsten Wüstenlauf, das Camp wird mit Raketen beschossen oder eine Kamelspinne streckt ihnen ihre behaarten Beine entgegen. Doch die lerne ich erst später kennen.
Was ich zuerst höre, noch bevor ich in die kleine Propellermaschine von Bamako nach Gao steige, ist, dass dort das Deutsch-Niederländische Camp vor nicht einmal 48 Stunden mit Raketen beschossen wurde. Ob die Angreifer bewusst das Feldlager zum Ziel hatten, ist nicht klar, doch eine der Raketen ist nur ein paar hundert Meter entfernt eingeschlagen – so nah an den Soldaten wie noch nie zuvor.Es ist der Moment, auf den die Einsatzkräfte und Journalisten – wie mein Kameramann und ich, die hier ein paar Tage leben – genau vorbereitet werden. Wer den sogenannten „IDF“-Alarm hört, muss sich sofort auf den Boden werfen und dort zwei Minuten liegen bleiben. Danach läuft man in seine schusssichere Unterkunft und bleibt dort, bis klar ist, dass niemand vermisst wird.
Joggen in der Mittagsglut
Zu Beginn des Einsatzes im Februar dieses Jahres haben die Soldaten noch in Zelten geschlafen – vieles musste erstmal improvisiert werden. Aus Sicherheitsgründen schlafen nun alle in stahlverkleideten Containern mit Panzerglas-Fensterchen. Drei Mann auf einer Stube, die Fotos der Liebsten an den Wänden. Wer sich hier nicht mit seinem Kameraden versteht, hat eine noch härtere Zeit, als sie es ohnehin schon ist: Julian S.* erzählt mir auf einer der zusammengezimmerten Paletten-Bänke vor den Wohneinheiten, wie sehr er anfangs unter der Hitze gelitten hat. „Wie ein Fön ins Gesicht“, beschreibt er die Sonne, die mit teils bis zu 60 Grad auf die Soldaten niederbrennt, die Windböen, die ihnen den roten Wüstenstaub in die Augen fegen und den eigenen Schweiß, der sich mit dem Sand zu rötlichen Rinnsalen vereint.
„Viel schlimmer als Afghanistan“, das ist es, was hier viele antworten, wenn man fragt, wie es sich lebt und arbeitet im Camp. Alles in Gao färbt sich rotbraun; meine Schuhe und meine Jeans brauchen dafür knapp eine Stunde; das Duschwasser morgens nur wenige Sekunden. Nach den zwei Minuten, die alle hier aufgrund der Wasserknappheit in der Sahelzone nur duschen dürfen, braucht es meist nur eine, bis sich wieder der sandige, kratzige Film auf die Haut legt.
Eine Methode, wie sich zumindest manche Soldaten daran gewöhnen, ist, einfach das Extrem zu suchen: Auf Plakaten im Camp wird für den „Malithon“ geworben, ein fünf, zehn oder 15 Kilometer langer Lauf durch die Dünen der Wüste. Selbst in der Mittagsglut joggen Soldaten im Training an mir vorbei, während mein Hemd schon nass ist, wenn ich nur die 200 Meter zur Kantine gehe. Über vier Liter trinke ich in den ersten Tagen. Wer im Einsatz stundenlang in der Sonne arbeitet, braucht auch manchmal acht. Irgendwann – etwa nach ein, zwei Wochen – schaltet der Körper um: Er schwemmt mit dem Schweiß dann nicht mehr so viele Salze aus, giert nicht mehr permanent nach Flüssigkeit.
Angst wird weggeschoben
Es ist ein anstrengender Einsatz – und ein gefährlicher. Die Minusma-Mission soll dafür sorgen, dass das wacklige Friedensabkommen in Mali hält. Doch im Norden des Landes ringen immer noch die Milizen, Islamisten, sowie Drogen- und Waffenbarone um die Macht – und die Zahl der Angriffe auf die Soldaten und deren Konvois steigt. Anfang Juli wurde erstmals eine Bundeswehr-Patrouille beschossen. Eines der Hauptziele für improvisierte Sprengfallen: die Verbindungsstraße zwischen Bamako und Gao. Auch Transporte der Bundeswehr wurden schon getroffen. Deutsche wurden dabei nicht verletzt, aber die lokalen Fahrer gehen einen gefährlichen Job ein.
Im gesamten Minusma-Einsatz wurden seit 2013 über hundert Soldaten getötet – darunter auch Niederländer, deren Einsatz noch heikler ist als der der Bundeswehr. An sie wird mit Fotos erinnert, die in der sogenannten Bar im Camp hängen. Dort, wo die Soldaten bei alkoholfreiem Bier Tischtennis-Rundlauf und Tischkicker spielen. So werden alle stets daran erinnert: Dass deutsche Soldaten bisher verschont geblieben sind, kann sich schnell ändern.
Mulmig, das ist das Wort, mit dem sie mir ihr Gefühl hier umschreiben. Die meisten arrangieren sich, schieben die Angst von sich. Was sollen sie sonst auch machen, sagen sie mir, das ist halt der Einsatz, in den sie geschickt wurden.
Die Nadel im Sandhaufen
Ihr Einsatz soll das Deutsch-Niederländische Feldlager sichern und die Zivilbevölkerung schützen. Bei der Bundeswehr heißt das korrekt: Objektschutz und Aufklärung. Die Soldaten müssen ein Gebiet so groß wie Deutschland ausspähen, danach suchen, ob sich islamistische oder andere Gruppierungen auffällig verhalten, Angriffe planen oder in neue Regionen vordringen. Dafür fährt ein kleiner Trupp regelmäßig weit raus in die Wüste, dort stehen sie stundenlang in der Hitze, schlafen schichtweise im Zelt, beobachten. Staub, Sonne, Büsche, Büsche, Staub, Sonne. Ihr Job ist wie eine Suche nach der Nadel im Sandhaufen.
Damit sie bei einem Angriff auch weiterhin innerhalb einer Stunde medizinisch versorgt werden können, hat sich nun Deutschland bereit erklärt, im kommenden Frühjahr Hubschrauber nach Gao zu schicken. Bisher übernehmen diese Aufgabe die Niederländer, doch die ziehen ihre Hubschrauber ab. Der deutsche Einsatz wird dadurch erheblich ausgeweitet.
Drohnen sollen dabei helfen, größere Gebiete zu überwachen, aus der Luft die Gegend zu filmen. Ich bin frühmorgens dabei, als die sogenannte Luna startet, eine kleine Drohne. Dafür spannen die Soldaten sie in ein Katapult. Wie ein Segelflieger gleitet sie dann etwa sechs Stunden durch die Luft, 80 Kilometer weit. Soldaten wie Mathias R.* steuern sie und sehen auf dem Bildschirm, was die Luna aufnimmt. „Wir werden geschult, dass wir auf all den Wüstenbildern auch wirklich das erkennen, was relevant ist“, erzählt er mir. „Einzelne Angreifer könnte man theoretisch auch ausmachen, aber wir schauen vor allem nach Fahrspuren, Menschengruppen, allem, was uns ungewöhnlich erscheint.“
Am Nachmittag sehe ich am Horizont, wie die Drohne an ihrem Fallschirm gen Wüstenboden sinkt. Ab dem 1. November startet hier auch die größere Drohne, die Heron. Ihr Aufbau war schwierig, verzögerte sich immer wieder: Material fehlte, ein Transport mit Teilen der Drohne geriet in eine Sprengfalle, die örtlichen malischen Firmen lieferten einen falschen Kran. Filmen dürfen wir die Drohne beim Aufbau nicht. Während meines Aufenthalts zitterten noch alle, ob die Deadline auch wirklich eingehalten werden kann. Das Thema ist äußerst sensibel, das Ministerium in Berlin will darüber keine negativen Schlagzeilen.
Malier mögen die Männer in Tarn

Foto (c) n-tv.de: Die deutschen Soldaten stoßen bei malischen Kindern auf reges Interesse.

Was wir filmen dürfen, das ist eine Patrouille in die angrenzenden Dörfer. Die neuen Soldaten werden eingewiesen, auch sie ziehen hier das erste Mal ihre schusssichere Weste an – so wie ich. Wir steigen in den engen, gepanzerten Dingo und rumpeln durch die Wüste. Fünf Fahrzeuge sind wir – darunter die Sanitäter. Alle haben ihre Jammer, die sogenannten Störsender an, damit Sprengfallen mit Handys oder ähnlicher Technik nicht ausgelöst werden können. Mir gegenüber sitzt ein junger Soldat, die Hand am Joystick und den Blick auf einem Videobild, das die Umgebung zeigt. Gäbe es einen Angriff, wäre er der Mann am Maschinengewehr.
Bevor ich aussteigen darf, sichern die Soldaten das Gelände. Draußen sind schon die einheimischen Kinder auf die Soldaten zugelaufen. „Wie aus dem Nichts erscheinen sie mitten in der Wüste“, erzählt mir Truppenführer Stephan R. Ihr Zuhause sind meist kleine Dörfer mit ein paar Lehmhäusern, alle ärmlich, manche nicht mal mit eigenem Brunnen. Doch auch, wenn die Soldaten selbst nichts schenken dürfen, damit kein Streit unter den Kindern ausbricht und sie stets mehr erwarten: Die Menschen mögen die Männer in Tarn. Ein kleiner Junge tänzelt, ein Soldat stimmt zum Chor an: „Maaaliii, Maaliii“. Ohne Übersetzer ist die Verständigung schwer. Der ist dabei, wenn mit den Dorfältesten gesprochen wird oder mit den Lehrern in den Dörfern. Man erklärt, warum man da ist, hört sich Probleme an und sagt auch, wo man nicht helfen kann. „Wir sind nicht hier, um Brunnen zu bohren, das ist nicht unser Auftrag. Aber wir versuchen, den Menschen klar zu machen, dass wir auch für ihre Sicherheit sorgen wollen“, sagt der Truppenführer.
Einer von vielen, der für die Sicherheit im Feldlager sorgt, ist Jakob P. Ich besuche ihn bei seiner Schicht in einem der Wachtürme. Bis zu zehn Stunden hat er Dienst mit zwei anderen Soldaten in der kleinen Holzbaracke mit Blick auf die karge Landschaft. Ein Stück Schaumstoff zum Sitzen, Fernglas, Nachtsichtgerät und Maschinengewehr sind immer griffbereit. Es ist sein erster Tag Wache und sein erster Einsatz generell. Jakob kam mit mir im Flugzeug nach Gao.
Die Kamelspinne sucht Schatten
Auch er hat wie ich schon die Geschichten der anderen Soldaten gehört: Die Türme sind offen, das Getier versteckt sich gerne zwischen den Holzlatten oder den Schutzwällen – und nachts kommen sie heraus, krabbeln im Dunklen um die Soldaten herum. Besonders gefürchtet, auch wenn ihr Biss nur schmerzhaft, aber nicht tödlich ist: die Kamelspinne. Bis zu handtellergroß kann sie 16 Kilometer pro Stunde rennen, zwei behaarte Beine wie zum Angriff vorgestreckt. Auch im Irak fürchteten Soldaten sie, weil sie mitten in der Wüste auf die Menschen zu rennt: Sie sucht den Schatten, den man wirft. Der Gesundheitsaufseher setzt mir eine von den Spinnen auf die Hand. Ich zucke zusammen, sie allerdings nicht: Am Vortag hat er die Spinne gefangen und konserviert. Doch auch so gruselt sie.

Foto (c) n-tv: An die Krabbeltiere in Mali kann man sich nur schwer gewöhnen.

„Ich schalte das ab“, sagt Jakob. „Das ist eben so und ich gewöhne mich daran.“ Doch bei manchen, die man trifft, wenn man mit dem Gesundheitsaufseher nachts rund ums Camp läuft, um Spinnen, Skorpione oder auch Schlangen zu fangen, klingt das anders. „Es macht mich wahnsinnig, natürlich“, sagt mir ein Soldat – ein Bär von einem Mann, sein Maschinengewehr um die Schultern gelegt. Doch das hilft nichts gegen den Gedanken, dass sich gerade im Dunkeln auf Wache eine Giftschlange um seine Schuhe schlängelt, oder die Kamelspinne ihren merkwürdigen Schrei ausstößt.
So gibt es einiges, an was man sich hier im Einsatz gewöhnen muss – und einiges, an das man sich wohl nie gewöhnen kann.
*Alle Namen der Soldaten aus Sicherheitsgründen geändert.
© 2017 n-tv.de

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