NACHTRAG MALIBLUES: DIE REVANCHE DER MUSIK (2 Filmkritiken + Live-Mitschnitt / Vidéo en direct de Cologne)

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Foto (c) aramata: Die Band Amanar mit Ahmed Ag Kaedi in Köln

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Foto (c) aramata: Master Soumy in Köln – er hat buchstäblich das Publikum von den Sitzen gerissen!

Hier / ICI 20 Min Master Soumy, Live-Mittschnitt des Produzenten (auf fb)

Und das Kinoplakat hinter dem Regisseur ist jetzt auf dem Weg zu mir…

Foto (c) Frank Brenner: Lutz Gregor zu Gast im Odeon

Die Revanche der Musik

choices.kultur.kino.köln. – 28. September 2016

„Mali Blues“ im Odeon

Von Frank Brenner
Dienstag, 27. September: Erst zwei Tage zuvor war in Köln das „14. Afrika Film Fest“ mit großer Publikumsresonanz zu Ende gegangen. Deswegen bezeichnete Real Fiction-Verleihchef Joachim Kühn die NRW-Premiere des von Lutz Gregor inszenierten „Mali Blues“ als „Epilog oder eine Art Nachklapp“ desselben, zumal auch bei dieser Preview etliche afrikanische Stargäste ihren Weg ins Odeon-Kino der Domstadt fanden. Den im Film porträtierten Musikern, die sich erfolgreich gegen die im Norden ihres Landes von radikalen Islamisten verhängten Musikverbote auflehnten, hatten die Botschaft und das Auswärtige Amt die Reisen nach Deutschland ermöglicht. So kam es, dass Fatoumata Diawara, Master Soumy und Ahmed Ag Kaedi nach der Deutschlandpremiere des Films am 20. September in Berlin eine Woche lang fast täglich begleitend zu den Filmvorführungen Konzerte gespielt hatten. In Köln traten nach der Projektion des Films vor ausverkauftem Haus noch Ag Kaedi und Master Soumy auf, Diawara musste, als international erfolgreichste der malischen Musiker, bereits wieder anderen Tourneeengagements nachkommen.

Foto (c) Frank Brenner: Master Soumy beim Gespräch während der Umbaupause

Produzent Christian Beetz, der bei „Mali Blues“ zum ersten Mal mit Regisseur Lutz Gregor zusammengearbeitet hatte, erläuterte beim Publikumsgespräch mit Joachim Kühn, dass er sich „innerhalb von zwei Minuten“ dazu entschieden hätte, den Film zu finanzieren. Der intuitive Entschluss erwies sich als goldrichtig, zumal „Mali Blues“ bislang bereits zu zwanzig internationalen Filmfestivals eingeladen wurde und zwanzig weitere auf dem Terminplan der nächsten Wochen und Monate stehen. Gleichwohl war die Entstehungsgeschichte nicht so unkompliziert, wie einem Beetz’ Äußerungen glauben machen könnten. Lutz Gregor ergänzte nämlich: „Der Film war wirklich nicht einfach zu finanzieren, deswegen ist Christian Beetz meiner Meinung nach hauptberuflich Geburtshelfer.“ Für den in Köln beheimateten Filmemacher war es eine logische Entwicklung, sich den musikalischen Rebellen Malis filmisch zu widmen. Seit 2008 hielt sich Gregor zu einem Großteil in dem westafrikanischen Staat auf, wo er nacheinander drei Dokumentarfilme realisierte und dabei immer wieder mit der Musik seiner künftigen Protagonisten in Berührung kam. 2012 war es dann in Mali zum Putsch der Dschihadisten gekommen, die den Norden des Landes besetzten und mit streng islamistischen Verboten belegten. Nur zwei Monate später lernte Gregor die Sängerin Fatoumata Diawara bei einem Konzert in Hamburg kennen, und der Samen für seinen nächsten Film war gelegt.

Foto (c) Frank Brenner: Ahmed Ag Kaedi während seines Live-Auftritts

Ahmed Ag Kaedi schildert im Film, dass er sich in seinem Exil in Bamako unwohl fühlt und als Tuareg am liebsten wieder nach Kidal in die Wüste zurückkehren würde, was ihm aber aufgrund seiner Tätigkeit als Musiker kaum möglich ist. In Köln erzählte er, bevor er auf der Bühne des Odeons einige seiner Songs zu Gehör brachte, dass er trotz allem nach wie vor in Bamako lebe, weil er nicht auf seine Musik verzichten wolle. Das bot Lutz Gregor die Gelegenheit, auf die oft falsch vermittelte aktuelle Situation im Norden Malis hinzuweisen: „Es herrscht dort ein unsteter Frieden, man könnte dort mittlerweile schon wieder Musik machen, aber auch für Profis ist dort nach wie vor kein Geld zu verdienen.“ Die Städte dort seien zwar nicht mehr von den Dschihadisten besetzt, aber es käme immer noch hin und wieder zu Anschlägen. Auch Master Soumy, dem malischen Rapper, fällt es schwer, mit seiner Leidenschaft, der Musik, Geld zu verdienen. Bevor auch er das Kölner Publikum mit einigen Live-Darbietungen begeisterte, sagte er: „Mali ist ein Land in der Krise. Aber die Musik ist meine Leidenschaft. Ich halte es für meine Aufgabe, mich für die Gesellschaft einzusetzen und meine pazifistische Botschaft zu verbreiten.“ Im Zuge von „Mali Blues“ gelingt es den musikalischen Rebellen nun nicht nur, ihre Überzeugungen und ihr Engagement in die Welt hinaus zu tragen. Es kommt auf ihrer Filmtournee darüber hinaus auch immer wieder zu einzigartigen Begegnungen mit anderen Musikern und einem entsprechenden kulturellen Austausch. Hier sind schon jetzt Beziehungen entstanden, die fortbestehen und die Welt bereichern werden.
© 2016 choices.de

«Mali Blues»: Starke Stimmen und Musik gegen Terror und Korruption
Qantara – 22.09.2016
Von Cordula Dieckmann
Mali ist ein krisengeschütteltes Land: Terror, Korruption, Armut und Kämpfe. Vier Musiker wollen sich damit nicht abfinden. Sie erheben ihre Stimme und singen für Einheit und Frieden. Der Film «Mali Blues» begleitet sie – mit eindrücklichen Bildern und wunderbarer Musik.

Master Soumy glaubt an die Macht seiner Lieder: «Rap ist eine Musik, die die Gesellschaft ändern kann, die Mentalitäten ändern kann», ist der junge Mann aus Mali überzeugt. Ein Wandel, der seiner Ansicht nach dringend notwendig ist in dem krisengeschüttelten westafrikanischen Land.
Gemeinsam mit der Afropop-Sängerin Fatoumata Diawara, dem Grammy-nominierten Musiker Bassekou Kouyaté und dem Gitarristen Ahmed Ag Kaedi erhebt er die Stimme gegen Unterdrückung, Korruption und islamistischen Terror. Der Filmemacher Lutz Gregor hat sie porträtiert. «Mali Blues» ist ein wunderbarer Dokumentarfilm voller bunter Farben und mitreißender Musik, manchmal traurig, aber auch voller Lebensfreude und der Hoffnung, dass eines Tages doch alles gut werden könnte.
Dass die Islamisten den Norden des Landes unter ihre Kontrolle brachten und dort die Musik verboten, ist für die Musiker immer noch ein Schock. «Sie sagen, sie kämpfen für den Islam, haben aber einen Pakt mit dem Satan», sagt Master Soumy. Das findet auch Diawara: «Mit Gott hat das nichts zu tun! So kann man nicht leben, man wird unglücklich», sagt sie. «Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen, ich dachte, das Leben sei vorbei, die Erde würde aufhören, sich zu drehen.»
Sie wuchs in Mali auf, ging nach Paris und kehrte zurück – und erlebte schlimme Dinge. «Ich lebe mit dem Schmerz und schenke anderen Freude», erklärt sie. In der Hauptstadt Bamako hat sie sich einen Traum verwirklicht und ein Haus gebaut. Das Wichtigste jedoch: Ihre Gitarre, die sie zärtlich streichelt.
Mali und Musik sind für sie untrennbar verbunden, beim Feiern, und auch, wenn die Menschen ihre Gefühle ausdrücken wollen. So wie in dem Moment, als Diawara in ihr Dorf zurückkehrt und als «Königin» empfangen wird, von tanzenden, singenden Frauen. Später rührt sie einige von ihnen zu Tränen, als sie über die grausame Tradition der Beschneidung singt. «Krankheiten sind an dem Messer, Tod ist an dem Messer, Qualen sind an dem Messer», singt Diawara. «Sie schneiden die Blüte ab, die mich zur Frau macht (…) Es ist schwer, eine Frau zu sein. Ihr wisst doch: Frau zu sein bedeutet viele Qualen.»
Die Rechte von Frauen und Mädchen auf Bildung, Gleichberechtigung und Menschenwürde liegen der mutigen jungen Sängerin am Herzen, ebenso wie die Einheit ihres Landes, in dem UNO-Truppen auch der Bundeswehr seit Jahren versuchen, mit Einsätzen Frieden zu schaffen. Die Einheit der Malier beschwört auch Bassekou Kouyaté. Er sieht dies als Familientradition, seien die Mitglieder seiner Familie doch immer die Leibsänger des Königs gewesen, «Meister der Worte».
«Wir bringen Frieden durch unsere Worte, wir können die Bevölkerung beruhigen und besänftigen», sagt er. «Unsere Münder sind stärker als Waffen.» Endlich Frieden, keine Korruption, keine Kämpfe, keine Unterdrückung. Ein Wunsch, der alle eint. Oder, um es mit einem Song von Master Soumy zu sagen: «Hört die große Trommel! Wir haben die Schnauze voll!». (dpa)
© 2016 Qantara.de

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