HORCHEN, GUCKEN, ÜBERLEBEN: DIE BUNDESWEHR IN MALIS NORDEN

Der Beitrag ist auch als => Audio-File verfügbar, 18 min (bis zum 23.01.2017)

Horchen, gucken, überleben
dradio.de – 17.07.2016
Mali ist einer der Krisenherde in Afrika. Im Rahmen der UNO-Stabilisierungsmission MINUSMA sind im Norden des Landes mehrere hundert deutsche Soldaten stationiert. Die Einsätze sind gefährlich, denn in dem Gebiet operieren Milizen und Terrororganisationen.
Von Jens Borchers und Klaus Remme

Es ist morgens gegen sechs Uhr. Der junge Hauptgefreite Kamir steht auf dem, was die deutschen Soldaten im Camp Castor einen Turm nennen. Eine schlichte Holzleiter führt sechs Stufen hinauf in den überdachten Ausguck. Linker Hand liegt die nordmalische Stadt Gao mit ihren etwa 60.000 Einwohnern, rechter Hand der Flugplatz.

df 170716Die Sicherung des Militärlagers (c) dpa_ Kristin Palitza

Ein Bundeswehrsoldat bewacht am 08.05.2016 das Camp Castor im Norden Malis, in dem deutsche und holländische UN-Truppen untergebracht sind.

Kamir wacht über alles, was sich im Sand und Gebüsch vor diesem Turm abspielt. Und meldet, was verdächtig erscheint:
„Da es ja mein erster Einsatz ist, ist alles irgendwie verdächtig. Und wenn ich dann Menschen vor mir hab‘ die da ihre Ziegen hüten oder Ziegen oder Kühe oder Vieh einfach von links nach rechts treiben, sich dann vor dem Gebäude oder hinter dem Gebäude bewegen – dann ist der Adrenalin-Spiegel natürlich ziemlich hoch.“
Und dann ist es gut, wenn einsatzerfahrene Offiziere da sind:
„Hauptmann Marcel F. Ich bin Zugführer eines der Sicherheitszüge, die wir hier haben.“
Hauptmann Marcel F. war schon in Afghanistan im Einsatz. Jetzt ist er hier – in Gao, im unruhigen Norden von Mali. Das westafrikanische Land war 2012 beinahe zum gescheiterten Staat mutiert, weil ein Tuareg-Aufstand in dieser bettelarmen Region von islamistischen Extremisten dazu genutzt wurde, den flächenmäßig riesigen Norden des Landes vom Süden trennen zu wollen. Eine französische Militärintervention verhinderte das in letzter Minute. Seit 2013 versucht nun eine Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen, eine Art prekärer Ruhe im Land zu halten. Seit Anfang des Jahres hat die Bundeswehr ihr Kontingent an dieser UN-Mission namens MINUSMA aufgestockt. Hauptmann Marcel S. weiß, dass der Job seiner Wachsoldaten und seiner Objektschützer, in dieser Wüsten-Festung der Vereinten Nationen hart ist: 12-Stunden-Schichten in Hitze und Sand.
Aufklärung und Informationen beschaffen
„Gestern hatten wir Temperaturen gemessen mit dem Thermometer bis 52 Grad. Und das ist dann schon eine extreme Herausforderung.“
An einem Kontrollposten vor dem eigentlichen Haupteingang wird jeder durchsucht, der ins Lager will: malische Arbeitskräfte, Besucher, Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Hitze und Sand. Sand und Hitze. Sieben Tage die Woche, vier Monate lang – dann kommen neue Soldaten aus Deutschland. Das ist der Job. Dazu kommt das Risiko. Ende Mai wurde ein anderes Camp der MINUSMA in Gao mit einem mit Sprengstoff geladenen Auto angegriffen. Ein chinesischer Blauhelmsoldat und zivile Mitarbeiter wurden getötet. Die mächtige Explosion, die haben die Deutschen in ihrem etwa vier Kilometer weiter gelegenen Lager auch gehört. – Angst? Der Soldat Marius B. sagt: „Ich renne jetzt hier nicht 24 Stunden am Tag herum und denke darüber nach, was wir mir wohl als Nächstes passieren könnte.“ Aber Marius sagt auch:
„Natürlich ist Angst erst mal negativ. Aber ich glaube, wenn so ein bestimmter Respekt oder eine bestimmte Angst vor der ganzen Sache nicht wäre, dann würde man sich auch anders verhalten.“
Aufmerksamkeit, wachsam sein, auf Kleinigkeiten achten – die Sicherung des Militärlagers ist die erste wichtige Aufgabe der Bundeswehrsoldaten in Gao. Die Deutschen sind als Objektschützer auch für die Sicherheit der anderen Soldaten aus verschiedenen Nationen verantwortlich. Und sie spüren diese Verantwortung. Der Hauptgefreite Jan schildert das so:
„Ich schätze mal, die höchste Gefahr wäre, wenn jetzt hier ein Selbstmordattentäter einfach mit einem Fahrzeug hier ins Camp reinfahren wollte und da dann die Reaktion vielleicht nicht ganz so schnell wäre. Aber wir sind eigentlich alle gut ausgebildet und denke, dass wir da schon sehr schnell reagieren könnten, um den abzuwehren.“
Die zweite wichtige Aufgabe der Bundeswehr in Gao: Informationen beschaffen, Aufklärung betreiben. Sie patrouillieren – nachts, tagsüber, zu unterschiedlichsten Zeiten. Bloß keine Routine, bloß keine regelhaften Abläufe erkennen lassen – mögliche Angreifer könnten genau das ausnutzen. Die Motoren der gepanzerten Fahrzeuge vom Typ Wolf, Dingo oder Fuchs laufen schon. Oberleutnant Jan S. hat das Kommando für diese Erkundungsfahrt in die Umgebung von Camp Castor. Die größte Gefahr: IEDs. Improvised Explosive Devices, also versteckte Sprengfallen. Die Statistiken der Minenexperten der Vereinten Nationen zeigen: Die Zahl der Angriffe und Angriffsversuche mit solchen Sprengfallen steigen kontinuierlich an. Und sie richten sich bisher primär gegen Fahrzeuge von Blauhelmeinheiten, die aus afrikanischen Ländern nach Mali geschickt wurden. Und gegen die malische Armee selbst. Weil die oft mit schlichten Pick-up-Transportern fahren und vor Sprengfallen kaum geschützt sind. – Wie groß ist denn das Risiko für die Bundeswehr? Oberleutnant Jan S.:
„Ja, gegen kleine bis mittlere IEDs sind wir geschützt, alles was größer wird, wie in den letzten Tagen hier, da wird’s dann auch für uns gefährlich und die Insassen.“
Suche nach Hinweisen auf Abschussrampen
Mit sechs Fahrzeugen und 26 Soldaten geht es raus aus dem Lager. Ein Panzerfahrzeug mit Störsendern fährt mit. Es soll verhindern, dass Sprengladungen per Mobiltelefon oder beispielsweise mit einem manipulierten Garagentoröffner gezündet werden können. Ein gepanzertes Sanitätsfahrzeug ist dabei, um im Notfall sofort medizinische Versorgung zu haben. Vier Zielpunkte fahren die Soldaten an. Sie suchen nach Hinweisen auf Abschussrampen. Im vergangenen Dezember war das Militärlager zum letzten Mal beschossen worden – mit Raketen oder Mörsergranaten. Nach Hinweisen auf solche Abschusseinrichtungen – genau danach schauen die Soldaten. Sie suchen Anzeichen dafür, ob es jemand auf das Lager abgesehen hat. Hauptmann Marcel F. steht in der Wüste, etwa zehn Kilometer vom UN-Lager entfernt. Hier könnte aber auch ein Angreifer stehen:
„Das heißt, er kann gut zielen und neben dem guten Zielen kann er das natürlich auch noch beobachten. Das Zielen ist das eine, das Treffen ist das andere. Er kann die Geo-Faktoren einschätzen, weil er genau sieht, wie seine Rakete sich einen Weg ins Ziel sucht.“
Diese Aufklärung hier – das ist wie die Suche nach der Nadel im Sandhaufen der Wüste der Region Gao. Bei Temperaturen um die 45 Grad, mit etwa 25 Kilo Ausrüstung am Körper. Zwei der schweren gepanzerten Transporter fahren sich im Wüstensand fest – mühsam machen die Soldaten sie wieder flott, während ihre Kollegen mit angelegten Waffen im Kreis um die Fahrzeuge herum absichern. Der Stabsgefreite Christopher S. steht in der prallen Sonne und behält die Lage im Auge. Es ist sein erster Auslandseinsatz.
„Ein komisches Gefühl. Gerade wenn uns irgendwelche Lkw entgegen kamen, die halt nicht, wie in Deutschland, bedeckt sind, sondern hier halt wirklich vier bis fünf Meter hoch sind, mit Ladung und Personen. Und das ist schon ein komisches Gefühl – ja …“
Einen Tag nach dieser Erkundungsfahrt ist wieder ein Konvoi draußen unterwegs. Bei einem Halt in der Wüste werden die Bundeswehrsoldaten mit Handwaffen beschossen. Keine Verletzten, keine Schäden – Glück gehabt. Aber die Botschaft ist klar: Wer immer die Angreifer waren – sie haben die Bundeswehr in Gao im Auge. Und zwar sehr genau. Oberstleutnant Alexander Radü ist sich darüber natürlich im Klaren. Radü ist Kontigentführer der deutschen Soldaten bei der MINUSMA in Gao. Unser Gespräch findet am Tag vor dem Angriff auf die deutsche Patrouille statt. Zum Risiko des Einsatzes sagt Oberstleutnant Radü:
„Natürlich macht’s mir Sorgen. Weil letztendlich alles, was sich auf das Leben meiner Soldatinnen und Soldaten auswirkt – macht mir alles Sorgen! Ich bin damit nicht glücklich, dass diese Bedrohung grundsätzlich da ist, aber wir sind darauf vorbereitet. Und wir wissen, damit umzugehen. Und es ist halt auch ein Bestandteil unseres Aufklärungsauftrages, auch diese Bedrohungselemente mit aufzuklären.“

df 170716Lunadrohnen

Foto (c) dpa / Kristin Palitza: Bundeswehrsoldaten bereiten am 09.05.2016 in Mali eine Drohne vom Typ Luna für den Start vor.

Bedrohungselemente aufklären – dazu soll auch der Kontakt zur Bevölkerung in Gao dienen. Das ist allerdings nicht ganz einfach. Es gibt noch nicht genug Dolmetscher – die werden von den Vereinten Nationen eingestellt und, naja, das dauert…. Für die Aufklärung stehen 15 unbemannte und unbewaffnete Drohnen vom Typ Luna bereit. Die mussten erst von den Vereinten Nationen zertifiziert werden. Das dauerte auch lange – jetzt dürfen sie fliegen. Und ein Radarsystem wird eingesetzt, sagt Oberstleutnant Radü:
„Mit einem Radargerät kann ich große Räume überwachen. Also ich kann grundsätzlich feststellen, wo bewegt sich wer, da kann ich Bewegungsmuster, Bewegungsprofile aufzeichnen. Und nach einer bestimmten Zeit kann ich dann auch Abweichungen von diesen Mustern feststellen. Und bei den bodengebundenen ist das ähnlich: Das sind halt die Kameraden, die in der Lage sind, ausgelöst durch eine Beobachtung, vor Ort hinzufahren und tatsächlich zu gucken – was ist da?“
Was ist da? – Darum geht’s. Und die Antworten auf diese Frage suchen die Bundeswehr-Soldaten auch mit elektronischen Hilfsmitteln. Die dürfen wir allerdings nicht sehen. Beim Rundgang durchs Camp Castor zeigt Presseoffizier Dennis Köhler gerne diesen noch einmal besonders gesicherten Bereich – von außen. Sichtbar sind vor allem – Antennen:
„Diese Kräfte genießen natürlich einen besonderen Schutz, einmal aufgrund ihrer Ausrüstung und Ausstattung, die sie mit dabei haben. Aber auch, weil sich die Operationszentrale hier in diesem Bereich befindet, von der aus der Einsatz der Kräfte hier im Land entsprechend gesteuert wird. Das ist der sensible Aufklärungsbereich, der Kern quasi unserer Mission.“
Umgeben von unsichtbaren Feinden
Bei diesem „Kern der Mission“ gilt für Journalisten: Wir müssen leider draußen bleiben. Was genau aufgeklärt wird, wie weit diese Geräte reichen, wen sie erfassen können – das ist geheim. Fakt ist jedenfalls, dass die Patrouillen zur Aufklärung der Lage in ihrer Reichweite begrenzt sind. Das Einsatzgebiet der Bundeswehrsoldaten hat in etwa die Größe von Deutschland. Aufklärungs-Patrouillen mit gepanzerten Fahrzeugen sollen aber nur so weit hinaus fahren, wie sichergestellt werden kann, dass eventuell verletzte Soldaten innerhalb von einer Stunde zurück ins Militärlager transportiert werden können. Mit den gepanzerten Fahrzeugen macht das einen Radius von etwa 50 Kilometern ums Lager aus. Aber da gibt es ja noch den Lufttransport. Presseoffizier Dennis Köhler zeigt die beigen, Hallen-artigen Zeltkonstruktionen im Camp Castor, wo die Helikopter untergebracht sind – von außen:
„Hier in dem Bereich befinden sich die Hubschrauber, die auch durch die niederländischen Kameraden betrieben werden.“
Mit der Unterstützung dieser Hubschrauber können Patrouillen auch weiter hinaus fahren, vielleicht 100 oder 120 Kilometer vom Lager weg. Im Falle eines Angriffs mit Verletzten sollen diese Hubschrauber der Holländer dafür sorgen, dass Verwundete innerhalb einer Stunde im Militärcamp medizinisch versorgt werden können. Für Deutschland ist diese Ein-Stunden-Regelung eine Grundbedingung für den Einsatz in Mali. Dass Holland diese Hubschrauber in den nächsten Monaten abziehen will; dass bisher unklar ist, wer die Helikopter ersetzen kann – davon sagt im Camp Castor niemand etwas. Hier spricht man von der Aufgabe der Bundeswehr. Was sie tun soll, damit die schwelenden Konflikte in Mali von Politikern eventuell gemildert oder sogar gelöst werden können. In Mali gibt es einen Friedensprozess, um den Konflikt mit verschiedensten Gruppierungen im Norden des Landes beizulegen. Dazu sind Informationen notwendig, die Oberstleutnant Radü und seine Soldaten beschaffen sollen:
„Letztendlich geht es darum, welche Akteure derzeit sich dem Friedensprozess entgegenstellen. Wir sprechen von unterschiedlichsten Gruppierungen und diese Kräfte gilt es zu identifizieren, sodass durch MINUSMA, im Schulterschluss mit der malischen Regierung, hier Lösungen gefunden werden, sich mit diesen Gruppierungen auseinanderzusetzen.“
Der Oberstleutnant sagt auch, dass es gegen Terrorismus, organisierte Kriminalität und gegen Migranten-Schleuser geht. Was davon hat Priorität, gibt es ein Ranking?
„Weil ich nicht im Kopf der Politiker stecke, kann ich da keine Aussage zu treffen, was da die wesentliche Zielsetzung ist. Das sind – wenn – Nuancen. Und da wäre eine Aussage von mir aufgrund fehlender Kenntnis einfach unredlich.“
Hier in Gao, in der Wüste Malis, umgeben von weitgehend unsichtbaren Feinden, versuchen die Bundeswehrsoldaten, ihren Auftrag zu erfüllen: Horchen, gucken, spähen – und möglichst überleben. Die politischen Prioritäten, das ist Sache der Politiker in Berlin.“
Stärke des Bundeswehr-Kontingents wächst schnell an
Wir bleiben noch einen Moment in Gao. Denn es ist ja nicht so, als ob die Berliner Politik ihren Mali-Einsatz ausschließlich hinter verschlossenen Türen in klimatisierten Räumen planen würde. Diese Kapelle hier spielte unlängst für den Bundesaußenminister und seinen französischen Amtskollegen. Beide schwitzten bei über 50 Grad. Vielleicht hat man es gehört, die Soldaten der Kapelle standen schon länger, sie schwitzten auch und uns mitgereisten Hauptstadtjournalisten ging es nicht anders. Schatten, ein Fremdwort. Wenig später sprach Frank Walter Steinmeier zu den Bundeswehrsoldaten im Camp Castor:
„Wir sind auch hier, um Respekt zu zeigen, gegenüber Ihnen, vor der Arbeit, die sie tun. Gerade eben, bei Ankunft auf dem Flughafen hier in Gao, haben wir uns verneigt vor den Opfern, die diese Mission auch zu beklagen hat, es ist keine ungefährliche Situation.“
Der Verweis auf Todesopfer erinnert daran, dass die deutschen Soldaten Teil der UN-MINUSMA-Mission und nur wenige Meter vom Camp der Franzosen entfernt stationiert sind, die mit der Operation Barkhane tief im Anti-Terror Kampf stecken. MINUSMA gilt als der UN-Einsatz mit den aktuell höchsten Verlustzahlen, auch Franzosen sind bereits ums Leben gekommen.
Die Stärke des Bundeswehr-Kontingents im Norden Malis wächst schnell an, vorgestern waren schon über 530 Soldaten vor Ort. Die vom Parlament erlaubte Obergrenze liegt bei 650. Am 28. Januar wurde im Bundestag über die Entsendung abgestimmt. 503 Abgeordnete waren dafür, 66 dagegen. Eine Mehrheit, sogar größer als die Große Koalition. Die namentliche Abstimmung erlaubt eine Zuordnung der Gegenstimmen. Neben der Linksfraktion votierten nicht etwa Politiker der Grünen, sondern acht SPD-Abgeordnete mit Nein! Also, wie gefährlich ist dieser Einsatz? Es klang schon an, die Zahl der Anschläge steigt. Hier nur ein kurzer Blick auf Schlagzeilen der vergangenen Tage: 12. Juli, „Armee erschießt zwei Demonstranten in Gao“, 10. Juli, „Zwei Tote bei Anschlag auf malischen Militärposten“, 6. Juli: „Zwei niederländische Soldaten bei Unfall in Mali getötet“ und ja, 7. Juli, „Erstmals Bundeswehr-Patrouille in Mali beschossen“. Beruhigend, dass die Soldaten in gepanzerten Fahrzeugen geschützt waren. Rainer Arnold ist verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion:
„Die technische Ausstattung der Soldaten, die in Mali rausmüssen in die Stadt und in die Dörfer, ist inzwischen außerordentlich gut. Aber, wenn Soldaten aus dem Fahrzeug aussteigen und das müssen sie eben auch, wir wollen ja, dass die mit der Bevölkerung in Kontakt kommen, das wird immer gefährlich sein. Für die Soldaten, die im Camp sind, das ist der überwiegende Teil, gibt es heute hervorragenden Schutz und auch die Aufklärungsdrohne, die nach Mali kommen wird, wird da helfen, damit man die Übeltäter im Umfeld rechtzeitig erkennt.“
Arnolds Kollege Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, stimmt in Sachen Ausrüstung zu:
„Wenn sie die Bundeswehr zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes mit der Bundeswehr heute vergleichen, haben sie zwei völlig unterschiedlich Armeen. Ich möchte daran erinnern, dass wir beim Eintritt in den Afghanistan Einsatz keinerlei gepanzerte Fahrzeuge unterhalb der Kategorie Panzer gehabt haben, also keine Fahrzeuge, wie wir sie heute in großer Zahl in der Bundeswehr haben.“
Afghanistan, immer wieder wird dieser Einsatz als Referenz herangezogen, wenn es um Mali geht. Zu Recht? Rainer Arnold sagt:
„Die Parallele taugt nur, was die Gefahren anlangt und zwar aktuell in Afghanistan und aktuell in Mali, deshalb waren wir auch dafür, dass die Soldaten den gleichen Auslandsverwendungszuschlag, der auch eine Entschädigung für die Risiken ist, bekommen. In der Geschichte taugen die Mechanismen überhaupt nicht: In Mali beginnt man dort, wo man in Afghanistan aufhört, in Mali startet man mit einer Ausbildungsmission, mit einem diplomatisch errungenen Friedensvertrag und der Implementierung von einer UN-Friedensmission, also was völlig anderes als in Afghanistan.“
Über achttausend malische Soldaten hat die Bundeswehr als Teil einer EU Mission seit 2013 ausgebildet. Zunächst im ruhigeren Süden Malis, jetzt wagt man sich auch an die dezentrale Ausbildung. Ein zweiter deutscher Schwerpunkt neben dem Einsatz in und um Gao. Ursula von der Leyen nannte als Verteidigungsministerin im Bundestag im vergangenen Jahr gleich vier Motive:
„Er hilft dem Land, er hilft auch unseren eigenen Sicherheitsinteressen, weil der den Terror eindämmt, aber auch, weil Mali ein entscheidendes Herkunfts- und Transitland bei Fluchtbewegungen ist. Und er ist geübte, praktische europäische Solidarität, den wir entlasten nicht nur die Niederländer, sondern auch unsere französischen Freunde und deshalb bitte ich das Haus um Unterstützung.“
Von der Leyens Bitte wurde erhört, selbst die Grünen stimmten geschlossen dafür. Obwohl sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Agnieszka Brugger, den Einsatz völlig anders versteht:
„Ich verstehe MINUSMA weder als Anti-Terror-Einsatz, das ist auch überhaupt nicht vom Mandat gedeckt; noch als Einsatz, der primär dazu dienen soll, Flüchtlinge aus Europa wegzuhalten, sondern das ist ein Beitrag dazu, die Welt ein klein wenig friedlicher zu machen oder es wenigstens zu versuchen.“
Berlin legt sich nicht auf Einsatzdauer fest
Einzig die Linksfraktion argumentiert geschlossen und vehement gegen die deutschen Einsätze in Mali. Ausbildung, UN-Einsatz MINUSMA, Anti-Terror-Kampf der Franzosen, all das mische sich zur Zeit in Mali, beklagt Christine Buchholz, die verteidigungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion:
„Mein Eindruck ist, das MINUSMA einen Frieden sichern soll, den es so in der Form nicht gibt und mehr und mehr in einen unmittelbaren Kriegseinsatz übergeht. Unsere These war schon immer, das MINUSMA auch deswegen so ein gefährlicher Einsatz ist, weil er in großen Bevölkerungsteilen eher als Besatzung wahrgenommen wird und es Widerstand und Proteste dagegen gibt.“
Auf die Frage, wie lange diese Einsätze dauern sollen, will sich in Berlin niemand festlegen. Zunächst werden die Probleme wohl eher wachsen, bevor sie kleiner werden. Die Niederländer ziehen im Januar ihre Hubschrauber aus Gao ab. Nach Ersatz wird gesucht. Im Verteidigungsministerium will man widerwillig nicht ausschließen, dass Deutschland auch diese Lücke füllen muss. Und mittelfristig stellt sich dann nach der Ausbildung der malischen Truppen die Frage der Ausrüstung. Rainer Arnold gibt das als Sozialdemokrat offen zu:
„Wer will, dass die kämpfen können und Sicherheit in ihrem Land herstellen können, der muss sie auch so ausstatten, dass sie die Mittel haben. Es ist nicht besonders ethisch zu sagen, wir bilden aus, aber mit den Waffen wollen wir mal wieder nix zu tun haben, das sollen lieber die Franzosen machen, das ist für mich keine korrekte Haltung.“
In der Union rennt Arnold damit offene Türen ein, deshalb wird Mali in Zukunft sicher wieder mit neuen Mandaten auf der Tagesordnung im Bundestag stehen und möglicherweise dann bald auch als Empfängerland im Rüstungsexportbericht.
© 2016 deutschlandfunk.de

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