BENINs STOFF DER BEGIERDE: DEN GIBT ES GENAU SO IN MALI

Fotos (c) Caro Kim: Stoffe an der Hauptstraße von Kati am Markttag, 2013 - Des pagnes dans la rue principale de Kati, un jour du marché en 2013

Foto (c) Caro Kim: Stoffe an der Hauptstraße von Kati am Markttag, 2013 – Des pagnes dans la rue principale de Kati, un jour du marché en 2013

In Kati, Garnisonsstadt 15 km von Bamako entfernt, findet der Wochenmarkt sonntags und donnerstags statt, und dann gibt es wie auf allen Märkten eine Riesenauswahl an Stoffen. Diese werden in der Elfenbeinküste oder eben auch in Europa hergestellt, aber daneben floriert der Markt für inländisch produzierte und bedruckte Stoffe der staatlichen Firma COMATEX.

Benins Stoff der Begierde

Deutsche Welle – 11.04.2016
Von Katrin Gänsler
Der „Pagne“, ein meist farbenfrohes Stück Stoff mit schönem Design, begleitet Beniner durch Alltag und Feste. Doch der beliebteste Produzent sitzt nicht in Westafrika, sondern in den Niederlanden.

Foto (c) DW/K.Gänsler: Händler und Kunden in einem Stoffgeschäft auf dem Dantokpa-Markt in Cotonou, Benin

Charlotte Babagbeto verhandelt mit einer jungen Frau auf dem Dantokpa-Markt im Herzen der Wirtschaftsmetropole Cotonou. Die Kundin hat sich für einen Stoff in Orange- und Blautönen entschieden. Die Farben sind kräftig, doch das Muster ist schlicht. Das Feilschen um den Preis für den „Pagne“ – so wird der Stoff im westafrikanischen Benin genannt – macht der 59-jährigen Stoffhändlerin sichtlich Freude. Sie ist nicht aufdringlich, aber bestimmt.
Stoffe beherrschen den Alltag der Beniner. Ob als Wickelrock, Kopftuch oder Festtagshemd – die vielfältigen bunten Muster sind überall präsent. Schon Babagbetos Mutter und ihre beiden Großmütter verkauften Stoffe. Sie selbst stieg nach dem Abitur in die Branche ein. Die Wahl der Karriere war aus der Not geboren, erinnert sie sich: „Meine Eltern wollten nicht, dass ich studiere.“ Um das Geld fürs Studium selbst zu verdienen, ging auch sie auf den Markt, um Stoffe zu verkaufen – und blieb im Geschäft. Inzwischen ist sie 40 Jahre dabei.

Foto (c) DW/Katrin Gänsler: Beninische Stoffhändlerin Charlotte Babagbeto vor ihren Stoffen – Charlotte Babagbeto, commerçante de tissus à Cotonou

Wohlstand durch Stoffhandel
Wenn Charlotte Babagbeto jetzt an die Anfangsjahre zurück denkt, lächelt sie: „Ich bereue gar nichts.“ Nicht, dass es dazu Anlass gäbe. Schließlich gehört sie heute zu den bekanntesten Händlerinnen in Cotonou und betreibt mehrere Läden. Ob zur Geburt oder für Beerdigungen: Charlotte Babagbeto hat viele dutzend Muster in ihren Läden und für jeden Anlass eine Idee.
Irgendwann soll ihre Tochter übernehmen. Auf Babagbetos Erfolgsrezept ist die bereits eingeschworen: nur Ware aus den Niederlanden zu verkaufen. „Die ist von Wert“, zeigt sich Charlotte Babagbeto überzeugt. „Natürlich gibt es heute auch andere Stoffe, die günstiger sind. Aber wenn man die nur einmal wäscht, verlieren sie ihre Form.“ Der sogenannte „Wax Hollandais“ steht schließlich für Tradition, Wertigkeit und ein wenig Luxus. Das gilt auch für das Design. Es gibt klassische Muster, die seit Jahren und Jahrzehnten auf dem Markt sind und als zeitlos schlicht und schön gelten.
Begehrte Stoffe aus den Niederlanden
Ausgedacht und hergestellt werden die begehrten Stoffe nicht etwa in Benin oder einem anderen westafrikanischen Land. Vom Design bis zur Produktion hat die niederländischen Firma Vlisco alle Fäden in der Hand. Die Handelswege sind eingespielt. Bis ins 19. Jahrhundert hatten die Niederlande Handelsposten im heutigen Ghana. Farbenfrohe Stoffe kamen damals noch aus den asiatischen Kolonien nach Westafrika. Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte etablierten sich diese am Markt.
Dabei gibt es regionale Besonderheiten, sagt Bidossessi Habib Junior Ahodegnon, der die Vlisco-Niederlassung in Benin leitet und häufig in der Region unterwegs ist. So würden die Igbo im Südosten Nigerias andere Farben und Formen bevorzugen als beispielsweise Kunden aus Togo. Eines sei jedoch in allen Ländern gleich: Stoffe „Made in Holland“ seien aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken. „Die Kunden wissen, dass wir in den Niederlanden herstellen“, sagt Ahodegnon. „Tatsächlich bringt uns das auch Prestige. Die Leute wollen gar nicht, dass wir in Indien, Großbritannien oder Deutschland herstellen.“
„Eine Afrikanerin möchte schmuck aussehen“
Im Vergleich zum Dantokpa-Markt geht es im Atelier von Rékia Abdoulaye ruhig und leise zu. Ihr Auszubildender Boris Kountin schlägt gerade einen feuchten Schwamm aus. Auf diesen hat Abdoulaye, die ursprünglich aus Nigeria stammt, kleine Muster geritzt. Die so bearbeitete Seite wird immer wieder in sattgelbe Farbe getunkt und anschließend auf eine lange Stoffbahn gedruckt.

DW 11.04.16Boris Kountin lernt als Auszubildender alles über Stoffe und Batiken

Foto (c) DW/Katrin Gänsler: Auszubildender Boris Kountin mit Schwamm beim Bedrucken von Stoffen in Cotonou – Boris Kountin, apprenti beninois en train d’imprimer des tissus

Die Künstlerin macht dem Riesen aus Europa auf Benins Märkten Konkurrenz. Viele dutzend Vorlagen hat sie im Lauf der Jahre entwickelt, um die verschiedenen Geschmäcker ihrer Landsleute zu treffen. Eine große Auswahl und ausgefallene Designs seien wichtig für ihre Kunden, lacht Rékia Abdoulaye: „Eine Afrikanerin liebt es nun mal, sich gut zu kleiden. Sie möchte gerne schmuck aussehen. Deshalb macht sie vor allem eins: sie kauft, kauft und kauft.“
Baumwolle und Designs aus Benin
Um dieser Leidenschaft zu begegnen, drängen neben Vlisco vor allem Stoffimporteure aus China und Indien auf den Markt. Doch Abdoulaye hat ihre Nische gefunden. Bei ihr gibt es ausschließlich selbst bedruckte Stoffe, deren Baumwolle aus Benin stammt und die im Land hergestellt wurden. In über 20 Jahren hat sie sich ihren eigenen Absatzmarkt erschlossen: „Ich arbeite für sehr spezialisierte Geschäfte, und meine Arbeit ist typisch beninisch künstlerisch. Sie stammt zu 100 Prozent aus Benin.“

Foto (c) DW/K.Gänsler: Schneider Pierre Dansou mit Nähmaschine in seiner Werkstatt in Cotonou, Benin
Pierre Dansou, tailleur à Cotonou, dans son atelier

Doch eins könnte den Stoff-liebenden Beninern künftig Probleme bereiten. Der Nachwuchs an Schneidern bleibt aus. Pierre Dansou, der seit mehr als 40 Jahren in Cotonous Stadtteil Fidjrossé eine Werkstatt betreibt, kann ein Lied davon singen. „Wenn man heute in Ateliers geht, sieht man nicht mehr wie früher viele Auszubildende“, sagt Dansou. „Wo es einst zehn oder zwanzig gab, sind es heute vielleicht noch ein oder zwei.“ Der Grund dafür sei simpel: „Junge Menschen wollen die Arbeit nicht mehr machen, weil sie schwierig ist.“ Deshalb hat Pierre Dansou alle Hände voll zu tun und lässt seine alte Nähmaschine rattern.
© 2016 dw.com

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