NIGER: DIE PILLE IM HIRSESACK – Sensibilisation pour le planning familial au Niger

Auch Mali hat das Problem der hohen Geburten- (44 pro 1000 Einwohner, Platz 2) und Fertilitätsrate (ca. 6,0 pro Frau, Platz 3), und das aus den gleichen Gründen wie das Nachbarland Niger.
Même problème au Mali, et les mêmes raisons: taux de natalité et taux de fertilité trop élévés.

Quelle/Source: http://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/geburtenrate.aspx

Pillenversteck im Hirsesack
NIAMEY (taz) – 13.04.2016
Kein Land wächst so rasant wie der Niger. Das Problem: Die Infrastruktur wächst nicht mit. Doch Verhütung ist in dem Sahelstaat noch immer verpönt.

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Animas-Satura_planning familial au Niger

Foto (c) Animas-Sutura: Sous le patronage de la première dame du Niger, l’association lutte contre les grossesses non désirées, contre les infections sexuellement transmissibles, contre les mariages forcés.
Unter der Schirmherrschaft der First Lady des Niger kämpft Animas-Sutura gegen ungewollte Schwangerschaften, gegen sexuell übertragbare Krankheiten, gegen Zwangsheirat.

Présentation de ANIMAS-SUTURA sur son site web
L’Association Nigérienne de Marketing social en abrégé ANIMAS-SUTURA a vu le jour le 18 juin 2007… Elle est le fruit d’un Accord de Coopération entre la République du Niger et la République Fédérale d’Allemagne visant l’amélioration de la santé des populations nigériennes à travers la stabilisation de l’épidémie de VIH/SIDA et la promotion de la planification familiale pour un meilleur l’espacement des naissances.
ANIMAS-SUTURA s’est spécialisée dans la fourniture des solutions simples et économiques en matière de santé sexuelle et reproductive à travers une approche unique de Marketing social. Grâce au financement de la KFW qui est concentré sur les zones prioritaires de Maradi et Tillabéry, nous avons pu étendre la portée géographique de notre programme à l’ensemble du pays avec la collaboration des partenaires au développement. Nous sommes techniquement soutenus par le groupe GFA Consulting Group, un bureau d’étude international basé à Hambourg en Allemagne.
Vidéo de sensibilisation

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Pillenversteck im Hirsesack
NIAMEY (taz) – 13.04.2016
Kein Land wächst so rasant wie der Niger. Das Problem: Die Infrastruktur wächst nicht mit. Doch Verhütung ist in dem Sahelstaat noch immer verpönt.
TAZ 130416Familienplanung in NigerFoto (c) Katrin Gänsler: A dire vrai, le planning familial est mal vu au Niger. Yacouba Hassia Abdoulaye et l’association Animas-Sutura se battent pour changer la donne.
Familienplanung ist im Niger eigentlich verpönt. Yacouba Hassia Abdoulaye und die Organisation Animas-Sutura kämpfen dafür, dass sich das ändert

Yacouba Hassia Abdoulaye fährt fast liebevoll über die hellblaue Schachtel. Auf ihr abgebildet ist eine Frau, die ein Gefäß auf dem Kopf transportiert und einen großen Ohrring trägt. Der Anhänger symbolisiert das Kreuz des Südens, das im Niger auch Kreuz von Agadez genannt wird. Es ist jener bekannte Silberschmuck der Tuareg, der einst von Vater zu Sohn weitergegeben wurde und über den es zahlreiche Geschichten gibt. „Es ist eine typische Frau aus dem Niger“, sagt Abdoulaye.
Die Zeichnung soll ihr und der nichtstaatlichen Organisation Animas-Sutura, die sich für Familiengesundheit einsetzt, helfen, Familienplanung populär zu machen. Die Frau mit dem roten Schleier lächelt und raschelt mit der Schachtel. In ihr befindet sich die Antibabypille für drei Monate. Für Abdoulaye ist sie eine wichtige Methode, um etwas gegen die rasant wachsende Bevölkerung in ihrem Heimatland zu unternehmen.
Vermutlich wächst der Sahel-Staat so schnell wie kein zweiter auf der Welt. Verschiedene Untersuchungen gehen von jährlich 3,9 Prozent aus. Vor 49 Jahren lebten noch 3,5 Millionen Menschen in dem Land. Inoffiziell geht man heute bereits von etwa 20 Millionen aus. Bei einer Geburtenrate von durchschnittlich 7,6 Kindern pro Frau ist die Tendenz rasant steigend.
Das Problem ist nur, dass sonst nichts mitwächst: Weder werden neue Schulen gebaut noch Krankenhäuser. Auch groß angelegte Ausbildungsprogramme gibt es nicht, stattdessen jede Menge negativer Zahlen. Im aktuellen Entwicklungsindex der Vereinten Nationen ist der Niger Schlusslicht. Es lassen sich zahlreiche andere Untersuchungen finden, die ein ganz ähnliches Bild zeichnen – von der Analphabetenrate bis zur Unterernährung.
Am Stadtrand und in Dörfern wird Ackerland knapp
Dabei reicht schon ein Spaziergang durch Niamey. Die Stadt ist wunderschön am Niger gelegen, doch im Vergleich zu anderen Hauptstädten der Region ist es ein Provinznest. Auf den belebten Märkten im Zentrum bieten junge Männer Kartoffeln, Zwiebeln oder Kürbisse an. Wer nichts zu verkaufen hat, versucht sich als Handlanger und fährt für Kunden Obst und Gemüse in großen, schweren Metallschubkarren bis zum nächsten Sammeltaxi. Ein paar Jungen ziehen mit Plastikschüsseln durch die Straßen und bitten um ein wenig Geld oder etwas zu essen.
Am Stadtrand und in Dörfern – 80 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land – wird hingegen fruchtbares Ackerland immer knapper. Einerseits wird darauf Wohnraum geschaffen, andererseits verkleinert sich die zu vererbende Fläche nach dem Tod eines Familienoberhauptes immer weiter. Sie wird so klein, dass sie die Nachfolger nicht mehr ernähren kann. Von Generation zu Generation spitzt sich die Situation zu. 2005 kam es im Niger zu einer Hungersnot.
Abdoulaye sieht vor allem die Männer in der Verantwortung: „Sie wollen noch immer große Familien haben.“ Trotz aller Probleme gelten Kinder als Statussymbol, über das man in der Gesellschaft definiert wird. „Frauen haben dagegen kein Mitspracherecht“, sagt sie. Im Land gibt es zwar bekannte Frauen, wie die Sängerin Fatimata Marikou, die schon beim Afrika-Festival in Würzburg auftrat und gegen weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und Teenager-Schwangerschaften singt. Doch bei der Präsidentschaftswahl im Februar war kein einziges Foto einer Frau auf dem Stimmzettel zu sehen.
Eine Aktivistin, die namentlich nicht genannt werden möchte, beklagt: „Es gibt kein Netz und keine Solidarität untereinander. Man geht nicht gemeinsam auf die Straße.“ Ein Beispiel dafür sei die Frauenquote für politische Ämter, die bei 15 Prozent liegt. „Männer halten sich strikt daran, was bedeutet: 15 Prozent bekommt ihr Frauen, aber keinen einzigen Sitz mehr.“ Sie erlebe nirgendwo Bereitschaft, dagegen zu kämpfen und die Quote zu erhöhen. Es sei nicht einmal Gesprächsthema.
Nicht einmal 12 Prozent der Frauen sollen verhüten
Ähnlich ist es mit der Familienplanung und erst recht mit der Verhütung. Die so gelassen wirkende Abdoulaye von Animas-Sutura lacht fast spöttisch auf. „Ich habe schon von Paaren gehört, die geschieden worden sind, weil sie die Antibabypille genommen hat. In ländlichen Regionen verstecken Frauen die Packungen in Hirsesäcken, buddeln ein kleines Loch in den Boden oder bitten eine Nachbarin um Hilfe.“ Animas-Sutura geht davon aus, dass nicht einmal 12 Prozent der Frauen verhüten. Die Nachfrage liegt bei etwa 30 Prozent.
Sie ist jedoch nicht nur so gering, weil die Männer dagegen, sondern weil die Möglichkeiten so wenig bekannt sind. In der Hauptstadt ist es noch einfach, an Informationen und Produkte zu kommen. In Krankenstationen und Apotheken werden auch Dreimonatsspritzen verkauft und die Spirale eingesetzt. Auf dem Land ist das jedoch oft unmöglich, da schon Krankenstationen zu viele Kilometer entfernt sind.
Animas-Sutura ist außer in Niamey in mehr als 700 Dörfern in den Regionen Zinder und Tahoua aktiv. Mit Radio-Werbespots in 70 Programmen werben die Mitarbeiter für Familienplanung. Sie sorgen dafür, dass die hellblauen Schachteln auch den Weg in entlegene Regionen finden. Umgerechnet rund 45 Cent kostet eine für drei Monate. Das ist selbst in einem der ärmsten Staaten der Welt bezahlbar. Wichtig ist auch, dass die Gegenden regelmäßig beliefert werden und der Verkauf diskret erfolgt. Niemand muss in einem Gesundheitszentrum, das ähnlich wie die Praxis eines Allgemeinmediziners funktioniert, alle persönlichen Daten preisgeben und in einer Akte festhalten lassen, welche Verhütungsmethode gerade genutzt wird.
Auf dem Land sind die Widerstände bis heute am stärksten. „Auf den ersten Blick finden sich durchaus nachvollziehbare Gründe, weshalb man große Familien will“, sagt Issaka Maga Hamidou, Soziologe und Demografie-Experte an der Universität Abdou Moumouni in Niamey. Viele Kinder bedeuten viele Arbeitskräfte, egal, ob im Haushalt, für kleine Verkaufsstände am Straßenrand oder auf den Feldern, wo Landwirtschaft noch immer Handarbeit ist.
Eine große Kinderschar gilt als Altersvorsorge
Gleichzeitig betont Soziologe Hamidou, dass dies eine Milchmädchenrechnung sei. Ein Kind großzuziehen koste schließlich viel mehr, als beispielsweise jemanden für einige Tage oder Wochen während der Erntesaison einzustellen. Allerdings ist eine große Kinderschar bis heute eine Art private Altersvorsorge. Eine staatliche Unterstützung gibt es schließlich nicht.
Letztendlich ist auch eine bestimmte Auslegung des Islam ein Hindernis in Sachen Familienplanung, erlebt der Soziologe. Bei Vorträgen wird ihm manchmal vorgeworfen, er sei Sprachrohr des Westens. „Dabei ist Familienplanung in vielen arabischen Staaten längst normal. Doch hier will das niemand hören“, sagt Hamidou. Den mehr als 80 Prozent Muslimen unter den Bewohnern im Niger wolle niemand eine bestimmte Anzahl an Kindern vorschreiben. Der Appell geht in eine andere Richtung: Jedes Paar soll selbst entscheiden, wie viele Kinder es sich leisten kann – unabhängig vom gesellschaftlichen Druck.
Dazu gehört jedoch eine weitere Bedingung: wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen. Wer jedes Jahr ein Kind bekommt, hat kaum Chancen, sich ein eigenes Geschäft aufzubauen oder weiter zur Schule zu gehen. „Wir haben einigen Frauen Geld gegeben und gesagt: Baut euch etwas auf“, erinnert sich Abdoulaye von Animas-Sutura an ein kleines Projekt, das jedoch nicht zu den Hauptaufgaben ihrer Organisation gehört. Gut funktioniert hat es allerdings: „Viele Frauen haben innerhalb der Familie eine stärkere Stellung bekommen. Diese Autonomie spielt eine ganz wichtige Rolle.“
© 2016 taz.de

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