Tiken-Jah-Konzert und Weihnachten in Mali

Eine Geschichte aus dem Archiv des aramata-blogs (28.12.2011), die in diesem Blog noch nicht erschienen ist.

Frohes Fest an alle Leser*innen!
Bonnes fêtes de fin d’année et de Maouloud à tous les lectrices et lecteurs!

Weihnachten ist hier anders. Wer hätte das gedacht.
Da so viele wissen wollten, wie man denn in Mali Weihnachten feiert, eher, wie ich das feiere, schreibe ich es hier auf.

Es begann mit der Überraschung am 23.: die Kinder hatten im Fernsehen entdeckt, dass Tiken Jah Fakoly, der ivorische Sänger mit der Wahlheimat Bamako (Interview) im Stadion Modibo Keïta ein Konzert geben würde, ab 18 Uhr. Da geh ich gern mit ihnen hin, sie sollen sich auf 5 Interessenten einigen, dann ist das Auto voll. Es kommen mit Mamadou, Bebe, sein Freund Issa, der auch meist bei uns wohnt, und Aly – Brin hat es verpasst, pünktlich da zu sein.
18 h ist der Einlass, um 19 h ist zwar viel Gerödel vor dem Stadion, Getränkeverkäufer und Imbissstände (Brot mit Kochbananen oder Pommes oder Spießen), auch Mützen und T-shirts in den Rastafarben werden verkauft. Gradin ou pelouse, Tribüne oder Rasen? Heute mal Rasen, da ist man näher am Geschehen (auf der Bühne mit sehr viel Licht- und Sound-Technik), und es sind auch nur 2000 F pro Nase, ca. 3 €. Die Tickets stammen praktischerweise noch vom letzten Konzert im Stadion am 7. Mai, wo Tiken ein CONCERT DE LA PAIX ET DE LA RECONCILIATION EN COTE D’IVOIRE gegeben hat.

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Die Absperrungen werden von Polizisten bewacht, und auf der Tribüne sollen sie dafür sorgen, das das Kiff-Verbot eingehalten wird. (Zu fortgeschrittener Stunde kann man den Duft aber nicht überriechen, und keiner schreitet ein.)
Die Vorgruppen, jeweils eingeführt durch einen Showmaster, beginnen gegen 20:30. Nach und nach kommen die jungen Leute in Stimmung, es wird getanzt, und schließlich stehen auch alle auf den Tribünenplätzen. Ich bin ich schon fast müde, Aly auch, als Tiken dann um 23:30 eintrifft, aber er schafft es spielend, alle zu begeistern und von den „Plätzen“ zu reißen.
Eigenes Video
Ohne Pause in seiner bekannten Art, über die ganze Bühne hüpfend, beginnt er mit „Quitte le pouvoir“ – das heute an Abdoulaye Wade im Senegal gerichtet sein kann, aber auch an den malischen Präsidenten ATT, der zwar keine dritte Amtszeit anstrebt, aber doch noch vor seinem Abtreten möglichst viele Neuerungen einführen will. Weiter mit „Plus rien ne m’étonne“ – wie Afrika von den Kolonialisten aufgeteilt wurde „ohne uns zu fragen“. Und einen Hit nach dem anderen, die meisten um mich rum singen begeistert mit. Keine Pause, nur zwischendurch immer die rhetorische Frage „Est-ce que ça va encore?“ und „Merci Bamako“. Eine Stunde lang. Das ist immer so bei Konzerten, sagt man mir. Fängt spät an und hört schnell auf. Aly ist froh, dass wir endlich nach Hause fahren.
Hier ein älteres Video mit deutschen Untertiteln:
http://s3.www.universalsubtitles.org/embed.js

Am 24. war früher immer ein Auftritt von Habib Koïte in Kati, direkt vor unserer Haustür, er hat in Kati seine Familie. Das fällt dies Jahr aus. Ich habe mir vorgenommen, dass ich endlich mal etwas mit einem deutschen touch koche, und das werden Spaghetti mit einer Sauce aus 4 Perlhühnern und viel Gemüse, dafür wenig Öl, was bei den üblichen Gerichten immer sehr reichlich verwandt wird. Lecker – das Wort ist in meiner Familie bekannt und tut mir jetzt gut. Eine Kerze brennt auch irgendwo, und ein paar kleine Päckchen hab ich mir noch aufgespart, aus dem Adventskalender meiner Freundin (das war ja sooo lieb), und dann war da noch tatsächlich ein Weihnachtbrief von meiner Schwester per Post angekommen! Blumensamen war die Überraschung. Danke, zur Zeit kommt das Wasser schon am frühen Abend, regelmäßig – das lässt hoffen.Herzliche Telefongespräche mit meiner versprengten Familie – Argentinien, Holtwick (Tannenbaum bis unter die Decke), Cappenberg und Düsseldorf runden das ganze ab. Bin zufrieden.
Geschenke für die Kinder oder untereinander sind nicht üblich, aber man kann ja ruhig mal ein Weihnachtsgeld verteilen, so wie am 31. oder an Tabaski. Das geht dann, auch wenn es sich nur um 5000 F (8€) handelt, ziemlich ins Geld, weil alle, die da sind, gleich behandelt werden, auch die ganz Kleinen und die Neffen, die gerade zu Besuch sind. (Es waren an diesem Tag 19.)

An ka so katila

Am Morgen des 25. ist endlich mal Zeit fürs Wäschewaschen. Fatou hatte die Idee auch, und da es zu zweit mehr Spaß macht, teilen wir uns diesen Spaß. Sie rubbelt, ich wringe und hänge auf.
Der Haufen von ihr und ihrem kleinen Sohn Amadou ist riesig, daher beschränke ich mich auf das Nötigste. Die quer über den Hof gespannte Wäscheleine (etwa 30m, genauer geschätzt Wurzel aus 1025 – da sich die Länge der Mauern besser schätzen lässt) kann kaum alles aufnehmen, aber da die Bettlaken und pagnes nach kaum einer halben Stunde im Wind schon trocken sind, gibt es keinen Engpass. Wie man hier wäscht, habt Ihr ja früher schon gesehen: im großen Zuber mit einem Holzbrett, jirinin (kleiner Baum). Anfangs hatte ich versucht, die Waschschüssel höher zu platzieren, das hat aber keine Nachahmer gefunden. Also mach ich es wie immer, weniger rückenfreundlich.

Wenn ich alleine wasche, wie heute, kommt immer Awa, notre servante, und hilft mir. Rubbeln. Vielleicht hat man auch kein Vertrauen in meine Künste. Wir unterhalten uns gebrochen, auf bamanankan und französisch. Awa ist Dogon, wie die meisten jungen Frauen, meist mit Kind, die hier in Haus und Hof helfen, gegen einen Hungerlohn eigentlich (6000 FCFA pro Monat – knapp 10 €, + Essen, Weihnachtsgeld natürlich und auch medizinische Versorgung au cas où). Ihr Sohn, auch Amadou, ist 2, und ihr Mann war früher Guide im Dogonland, als es noch Touristen dort gab. Zur Zeit versucht er im Senegal als Maurer, etwas Geld für die Familie zu verdienen. Awa könnte auch hier wohnen, aber sie zieht ein leerstehendes, halbfertiges Haus in fußläufiger Entfernung vor, wo sie mit 4 anderen Dogonfrauen wohnt. Und auf einer Matte auf Zementboden schläft – als ich sie neulich mal nach Hause begleitet habe, hat sie es mir gezeigt. Ebenso wie ihren „Kleiderschrank“, ein Korb, der auch das schöne Gewand enthält, mit dem ich sie fotografieren sollte. Der Beleg wird nachgeliefert, denn solche Aufträge werden mit der Nikon ausgeführt, so dass ich die Fotos erst entwickeln lassen und dann abfotografieren muss, für das Blog. Kann man ihr nicht wenigstens eine Schaumstoffmatratze abgeben? Erstmal will sie es nicht. Werde mal nachhaken. (Später: hat geklappt.)

Mamadou will mir erzählen, dass es in Mali die Aufgabe der großen Schwester ist, jeden Samstag die Wäsche aller Familienmitglieder zu waschen. Das stimmt bei uns sicher nicht, denn die große Schwester wurde hier immer von allen verwöhnt. Und auch die Jungens haben, so weit ich denken kann, ihre Wäsche immer selbst gewaschen – depuis tout petit, bestätigt denn auch Mamadou.

Nachtrag: Foto (c) aramata: Mamadou wäscht, im November 2015 in Kati

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