BUCHBESPRECHUNG: MALI ODER DAS RINGEN UM WÜRDE (Update)

Ein verwundetes Land
Frankfurter Rundschau – 21.09.2014
Von Thomas Schmid
Die Islamisten auf dem Vormarsch, der Westen interveniert. Nein, nicht vom Irak ist die Rede, sondern von Mali. Noch keine zwei Jahre ist es her, da sorgte das westafrikanische Land für Schlagzeilen. Doch schon ist der Konflikt weithin vergessen, verschwunden hinter dem Bürgerkrieg in der Ukraine und dem Terror der Dschihadisten des „Islamischen Staats“ im Irak. Die mediale Logik fordert ihren Tribut. Morgen ist heute gestern.


Da ist es geradezu wohltuend, dass gerade ein Buch auf den Markt gekommen ist, das einer andern Logik folgt – zum Innehalten und Nachdenken anregt. Charlotte Wiedemann nimmt uns auf ihre Reisen durch Mali mit, ein verwundetes Land, in dem die Menschen um Würde ringen.

Über fünf Jahre hinweg hat die Journalistin das Land immer wieder bereist, meistens in klapprigen Überlandbussen. Sie hat die entlegensten Dörfer aufgesucht, sich mit politischen Notabeln und geistlichen Führern getroffen, vor allem aber immer wieder mit einfachen Leuten auf dem Land und in Städten. Sie hat hingeschaut und zugehört, ist eingetaucht in die afrikanische Gesellschaft. Aus Reportage und Reflexion entsteht, Stein für Stein, ein Mosaik, das Gewissheiten zerstört, mit Vorurteilen aufräumt.
Keine Schriftsprache? Unsinn.
Zum Beispiel das kaum auszurottende Vorurteil, das subsaharianische Afrika habe allenfalls eine orale Geschichte. Unsinn. Schon 1236 gab sich das Mali-Reich, das sich von der Wüste bis zur Atlantikküste erstreckte, eine Verfassung: die Charta von Kurukan Faga. Sie hält schriftlich fest: „Jede Person hat das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit“ – die erste Kodifizierung des Menschenrechtsgedankens auf afrikanischem Boden.
Und auch die ältesten der rund dreihunderttausend Handschriften von Timbuktu, die von Recht, Philosophie, Astronomie und Mathematik handeln und auf abenteuerlichem Weg vor dem Furor der Islamisten gerettet wurden, reichen ins 13. Jahrhundert zurück.

„Ich habe versucht, die Maßstäbe zu verstehen, nach denen die Malier sich selbst betrachten“, umreißt Wiedemann ihre Herangehensweise. Wie soll der Malier den Staat als seinen begreifen, wenn in Regierung, Parlament und Gerichten französisch gesprochen wird, eine Sprache, die 85 Prozent der Bürger gar nicht beherrschen? Auch weist die Autorin auf die Gefahren traditioneller Entwicklungshilfe hin. „Oft fördert sie ein Klima von Opportunismus und Verlogenheit“, bilanziert sie.

Auch die militärische Intervention Frankreichs thematisiert die Journalistin in ihrem Buch, die Voraussetzungen und die Folgen dieser Intervention. Vor allem aber spürt sie den kulturellen Voraussetzungen nach, die die Chance bergen, dass Mali einen eigenen, nicht den vom Westen vorgezeichneten Weg in die Moderne findet. Denn die Selbstheilung des verwundeten Landes kann, so Charlotte Wiedemann, nur von innen kommen.
© 2014 FR-online.de

Charlotte Wiedemann: Mali oder das Ringen um Würde. Pantheon Verlag, München 2014. 303 Seiten, 14,99 Euro.
Jetzt auch über die Bundeszentrale für Politische Bildung erhältlich, für 4,50 Euro
=> HIER

Ein wunderbares Buch!
Eine weitere Rezension (empfohlen von der Blogautorin)
Von Dr. Ingrid Laurien – 31. Januar 2015
Charlotte Wiedemann kennt das Land, seit 2012 in westlichen Schlagzeilen ein gefährliches „Sahelistan“ und eines der ärmsten Länder der Welt, aus langjähriger Erfahrung. Seine einfachen Bürger und nicht die ‚große Politik‘ sind für sie Garanten dafür, dass es eines Tages besser sein wird. Ihre Reisen führen sie in den fruchtbaren Süden und in den umkämpften Norden, wo der Sahel an die Wüste stößt, und ihre Beschreibungen der Landschaften und ihrer Menschen sind betörend schön. Mali hat eine tausendjährige gestaltete Geschichte, Timbuktu war vor 600 Jahren das Zentrum eines intellektuellen und liberalen Islam. In Bamako verbirgt sich moderne Urbanität unter einer Hülle von Ländlichkeit. Der Politikbetrieb der Hauptstadt allerdings versinkt in Korruption und Machtkämpfen, und die wirtschaftliche Situation ist desolat. Das demokratische System westlichen Musters, das sich die Malier 1991 erkämpften, hat sich als bloße Fassadendemokratie erwiesen. Aber Mali mag ein armes Land sein, es ist kein Land des Elends. Zu erkunden, wie es den Maliern gelingt, ihr gesellschaftliches Umfeld selbstbewusst mitzugestalten, das ist Wiedemanns Anliegen.„Ich habe versucht, die Maßstäbe zu verstehen, nach denen Malier sich selbst betrachten, und auf die sonst üblichen Kommentare weißer Afrikaexperten verzichtet.“ Sie entdeckt zahllose soziale Organisationen an der Basis, Netzwerke persönlichen Vertrauens, Grundsätze einer lokalen Selbstverwaltung, die im kulturellen Erbe der malischen Gemeinschaften wurzeln, Traditionslinien der Partizipation, die nie abgerissen sind, auch wenn sie gesellschaftliche Gleichheit nicht immer fördern. Zu solchen traditionellen informellen Netzwerken gehört auch der Islam, der immer schon nivellierte und verband und entscheidend dazu beitrug, dass überhaupt so etwas wie ein öffentliche Sphäre entstand. Wiedemann nimmt teil an Dorfversammlugen, an einer Zusammenkunft religiöser Sufi-Führer, sie spricht mit dem Taxifahrer und seiner Teerunde, mit dem Leiter der „Union der Rechtlosen“, der gegen das korrupte Justizsystem kämpft, mit dem charismatischen Islamprediger, dem Politikprofessor, dem Eisenbahngewerkschaftler, dem Politikprofessor, der prominenten Gobalisierungskritikerin, mit zurückgekehrten Arbeitsmigranten, mit Bauern, Landfrauen und Hirten…So entsteht ein ein vielstimmiger Chor von Maliern, die ihre Würde gegen die Widrigkeiten verteidigen, die ihnen Kolonialismus, Weltwirtschaftsordnung, Diktatur, falsche Demokratie und neuerdings Islamismus und Krieg aufgezwungen haben. „Stolz und Trauma, das ist der Bogen, der Malis Geschichte und seine Gegenwart umreißt.“ Mali von außen „entwickeln“ zu wollen, sei, so Wiedemanns Fazit, westlicher Größenwahn. „Das Land muss für sich selbst eine Erzählung entwickeln, in der sich jeder mit seinem Stolz, seinem Leid und seiner Geschichte wiederfinden kann.“
Charlotte Wiedemann hat eines der schönsten Afrikabücher der letzten Jahre geschrieben, weil sie sich nicht scheut, Emotionalität und Zuneigung zu zeigen, Partei zu ergreifen für die kleinen Leute, für die, deren Stimme sich nicht so einfach Gehör verschaffen kann. Dabei ist sie nie ideologisch oder naiv, und sie blendet hässliche oder unangenehme Aspekte nie aus.
© 2015 amazon.de

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