VOM VERSUCH, NICHT WEISS ZU SCHREIBEN (BUCHANKÜNDIGUNG)

by blogautorin aramata:
Im September 2012 erschien das neue Buch der Journalistin Charlotte WIEDEMANN, zu dem sie u.a. durch Erfahrungen in Mali angeregt wurde:

Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt.

„Es handelt sich um eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit
eurozentrischen Sichtweisen und Wahrnehmungen, entlang meiner eigenen
Erfahrungen als Auslands-Reporterin, unter anderem in 16 islamischen
Ländern.“ sagt sie selbst.
Sie nimmt ihre LeserInnen mit auf eine Reise durch Kulturen und Kontinente und lässt sie hinter die Kulissen ihrer Arbeit blicken.
Der Versuch, nicht weiß zu schreiben, ist die Suche nach einem Blick auf die Welt befreit von der Enge des Eurozentrismus. Ein Plädoyer für einen Journalismus des Respekts.

Flyer_Wiedemann
pdf-Flyer des Verlags

Vorwort
Ist weiß eine Farbe? Die Farbigen, das sind für uns die anderen.
Weiß ist neutral, ein Grundton, voraussetzungslos. So sind wir
geprägt, und wir können nicht heraus aus unserer Haut, aus
unserer unsichtbaren Farbe.
Nicht weiß schreiben, das kann folglich nur ein Versuch
sein. Es ist der Versuch, einen Blick auf die Welt zu werfen, der
sich von der Enge des Eurozentrismus befreit. Davon erzählt
dieses Buch, auf persönliche, subjektive Weise. Ich bin seit drei
Jahrzehnten Journalistin; meine Recherchen haben mich in 26
außereuropäische Länder geführt. Ich war häufig in islamischen
Ländern und habe eine Weile in Südostasien gelebt.
Man kann mir auf den folgenden Seiten bei der Arbeit
zuschauen; ich lade in eine Werkstatt ein, eine Werkstatt des
Schreibens, des Erlebens, der Reflexion. Wie entsteht unser
Weltbild? Was können Journalisten überhaupt begreifen von
der »Fremde«, vom »Anderen«? Wie wahrhaftig ist das, was sie
als Wirklichkeit ausgeben? Wo endet zulässige Kreativität, wo
beginnt Fälschung?
Auf Schauplätzen, die unterschiedlicher kaum sein könnten,
zeige ich im Detail, wie schwierig interkulturelle Annäherungen
tatsächlich sind und wie leicht wir Fehlurteilen erliegen.
In Iran bleibt ein großer Teil der Gesellschaft für uns terra incog-
nita, nicht nur wegen der staatlichen Überwachung. In Papua
kämpft Schwarz gegen Weiß, aber die Weißen sind diesmal
nicht wir, sondern die Indonesier. Thailand verdeutlicht, wie
wirkmächtig die eingeschliffene Erzählung von einem Land ist,
ungeachtet seiner Realität – und wie groß das Bedürfnis ist, die
Welt aufzuteilen in eine gefährliche Fremde und eine freundliche,
dienstbare Exotik.
Erfahrungen in Afrika, vor allem in Mali, waren Anregung
für den Titel dieses Buches: Hier ist die Herausforderung, nicht
weiß zu schreiben, besonders groß. Ich erzähle von Beziehungen
und Zuschreibungen, von den Abgründen in uns selbst und
in anderen. Dieses Kapitel ist das Persönlichste; darum steht es
am Ende.
Welches Menschenbild unsere Wahrnehmung prägt, das ist
immer wieder entscheidend. Muslime nicht als Individuen zu
sehen und die Vielfalt ihrer Lebensentwürfe zu leugnen, dahinter
verbirgt sich eine generelle Unfähigkeit, den Plural zu
denken – in der eigenen, heimischen Gesellschaft wie in einer
sich entwickelnden polyzentrischen Welt.
Entlang meiner Begegnungen mit Überlebenden in verschiedenen
Kulturen gehe ich der Frage nach, warum ein achtsamer
Umgang mit Opfern so selten gelingt. Statt Anteilnahme
bewirkt ihre Darstellung in den Medien oft eher Distanzierung,
sogar Verrohung.
Ich plädiere in diesem Buch für einen Journalismus der Bescheidenheit
und des Respekts. Bescheidenheit bedeutet, dass
wir uns der Grenzen unserer Erkenntnis und der Relativität
unserer Urteile bewusst sind. Respekt gilt zunächst denen, über
die wir schreiben – sie sind Bürger, auch in Ländern ohne Bürgersteige.
Mehr Respekt zugleich vor den Mediennutzern, die
heute einem betäubenden und krankmachenden Ansturm kontextloser
Nachrichten ausgesetzt sind.

Dass die Welt jenseits unserer westeuropäischen Wohlstandsinsel
immer gefährlicher und gewalttätiger würde, ist
eines der Trugbilder, die durch die tägliche Nachrichten-Auswahl
erzeugt werden. Davon handelt das Kapitel »Breaking
News«; es erweitert den Blick auf Bereiche jenseits des Horizonts
meiner eigenen Erfahrung.
Ist dies ein Journalisten-Buch? Ja und Nein. Wer mit Medien
zu tun hat, soll daraus Nutzern ziehen können. Aber Öffentlichkeit,
das sind wir alle. Und wie oft wir unsere Standards
als universell gültig missverstehen, das zeugt davon, dass der
Versuch, nicht weiß zu denken noch kaum begonnen hat.
Zum weißen Denken gehört nicht zuletzt, wie wir den Begriff
Mobilität für unseren Lebensstil reservieren – und anderen
Mobilität verweigern. Auf dem Titelblatt dieses Buches streift
unser Blick eine Frau in einem malischen Dorf; ihr Sohn hat
sich auf die gefährliche, klandestine Reise nach Europa gemacht.
Sie ist seit Wochen ohne Nachricht.
© 2012 Charlotte WIEDEMANN

Zur Online-Bestellung:
http://www.papyrossa.de/sites_buchtitel/wiedemann_versuch.htm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s