EINE NATION IN AUFRUHR – Diskussion mit Gregory Mann und Mamadou Diawara im australischen Rundfunk

Radio National, Australien
Sonntag der 19.August 2012 um 12:05h
=> DIE SENDUNG KANN HIER AUF ENGLISCH ANGEHÖRT WERDEN.

Gäste:
Gregory Mann
Privatdozent für Geschichte an der Columbia Universität
Und
Mamadou Diawara
Professor für Anthropologie an der Universität Frankfurt.

Hier ein weiterer Essay von Gregory Mann in MALI-INFORMATIONEN:
HOFFNUNG FÜR DIE MALISCHE DEMOKRATIE – Hope for Mali’s democracy (Analysis from one step’s remove) – Un espoir pour la démocratie au Mali
06/04/2012

FÜR DIE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG DANKEN WIR HERZLICH TANJA-AMINATA BA

Transcript

Journalist (Archivmaterial): Nach Stunden der Unsicherheit übernahmen die Rebellen die Radiosender um zu erklären, dass sie die Regierung übernommen haben. Sie traten im Staatsfernsehen auf und nannten sich das „Nationale Komitee für die Wiederherstellung der Demokratie und des Staates“.

Rebell (übersetzt): Wir haben dem inkompetenten Regime von Amadou Toumani Touré ein Ende gemacht. Wir versprechen die Macht an einen demokratisch gewählten Präsidenten zurückzugeben, sobald Mali wieder geeint ist und seine Integrität nicht länger in Gefahr ist.

Journalist: Die Gruppe ist aufgebracht über die Art, wie die Regierung mit der Bewältigung der Krise im Norden umgeht. Sie sagen, dass das Militär nicht die Mittel hat um den Kampf gegen die Tuareg zu gewinnen.

Annabelle Quince: 20 Jahre lang wurde der westafrikanische Staat Mali für einen „Leuchtturm“ der Demokratie auf dem Afrikanischen Kontinent gehalten. Das änderte sich dieses Jahr, als der demokratisch gewählte Präsident bei einem Putsch gestürzt wurde. Hallo, ich bin Annabelle Quince und heute versuchen wir bei Rear Vision, auf RN, Radio Australia und im Web, zu verstehen, was mit der malischen Demokratie passiert ist und wer diese Tuaregrebellen, die Kontrolle über Zwei-Drittel des Landes ergriffen haben, sind.
Aber zunächst: Wo ist Mali genau? Gregory Mann ist Privatdozent der Geschichte an der Columbia Universität und der Autor des Buches: „Native Sons: West African Veterans and France in the Twentieth Century“ (zu Deutsch: „Eingeborene Söhne: Westafrikanische Veteranen und Frankreich im zwanzigsten Jahrhundert.“)

Gregory Mann
: Mali ist ein riesiges Land und liegt genau in der Mitte Westafrikas. Es ist ein Binnenstaat. Der Fluss Niger durchfließt das Land; er beginnt im Norden in der Nähe von Timbuktu und fließt dann nach Süden, bis er schließlich am anderen Ende des Landes, im Südosten, hinaus fließt. Der Großteil Malis ist trocken, doch im Süden, genauer gesagt südlich des Flusses und im Westen gibt es Landwirtschaft, welche vom Regen abhängig ist, viel Vieh und viel Wanderweidewirtschaft. Aber wenn man weiter in den Norden Richtung Timbuktu geht, gibt es hauptsächlich die Sahara zu sehen, die sich bis weit über die Grenzen nach Algerien und den Niger ausdehnt.

Mamadou Diawara: Mali ist ein sehr vielseitiges Land. Es gibt mindestens 15 verschiedene Stämme mit sehr alten Traditionen des Zusammenlebens und Zusammenarbeit.

Annabelle Quince: Mamadou Diawara ist Professor für Anthropologie an der Universität Frankfurt und der Autor des Buches: „Historische Erinnerung in Afrika“.

Mamadou Diawara: Mali war, genau wie sie sagten unter kolonialer Herrschaft, genauer gesagt französischer. Diese dauerte von 1880 bis 1960. Das heißt 80 Jahre. Und die Kolonialzeit hatte einen großen Einfluss auf alle Bereiche des Alltags und der Wirtschaft, sowie der Gemeinschaft. Das bedeutet, dass zum Beispiel, bis heute Schulunterricht auf Französisch stattfindet und der Hauptteil der Wirtschaft immer noch über Frankreich läuft. Frankreich ist also tief verstrickt in alle Belange, die mit Mali zu tun haben.

Gregory Mann: Ja, dies hatte einen großen Einfluss. Wahrscheinlich ist hier der wichtigste Punkt, dass Frankreich am Ende der kolonialen Herrschaft 1960 entschied, den Norden Malis, das Mali der Sahara, mit dem Süden zu verschmelzen, wobei viele politische Führer des Nordens, der Sahara, kein Teil des südlichen politischen Gebilde sein wollten. Sie wollten nicht von Leute aus dem Süden regiert werden.
Und die Leute aus dem Süden wussten, dass die Leute aus dem Norden ganz anders sind als sie. Es gab einen starken kulturellen und sogar rassischen Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen. Und sie sahen sich als fast Fremde, teilweise weil die Leute des Nordens, aus der Wüste, Nomaden sind und das Nomadentum war für sesshafte Farmer und auch einige der Wanderviehzüchter des Südens fremdartig.

Mamadou Diawara: Einmal unabhängig, versuchte Mali zunächst von Frankreich als Kolonial macht mit großem Einfluss weg zu kommen. Und das war in der Tat sehr schwierig, denn Frankreich war nicht so großmütig, Mali zu verlassen, denn die politischen Kräfte in Mali waren – nach Aussage Frankreichs – zu der Zeit spärlich gesät; sie wendeten ihren Blick nach links. Es gab viele linke Bewegungen, die sich aus Sicht der Franzosen den sozialistischen Staaten annäherten.
Und deswegen gab es so etwas wie Streitigkeiten zwischen Mali und Frankreich, nach der Unabhängigkeit, aber auch davor. Eine Partei, die sich RDA nannte, tendierte nach 1960 immer mehr zum linken Flügel und entwickelte sich 1968 zu einer Art von revolutionärem Regime, welches noch im selben Jahr durch einen Militärputsch wieder verdrängt wurde.

Gregory Mann: Der Putsch 1968 hatte viele verschiedene Gründe, die wichtigsten waren allerdings, dass es eine Art wirtschaftliche Stagnation gab und die Regierung anscheinend ihre Kontrolle verlor. Anhänger der extremen Linken wollten noch ein radikaleres und autonomeres Mali. Die Armee wurde so etwas wie beschämt durch Parteimilizen, die in einigen Fällen besser ausgerüstet waren als die reguläre Armee. Und selbst die Elitetruppen waren dazu gezwungen etwas zu tun wie Kartoffeln auf deren eigenen Gemeinschaftsfeldern anzubauen, und sie dachten dies wäre eine Beleidigung einer professionellen Armee, die in dieser Zeit ziemlich stolz darauf war eine zu sein.
Sie dachten das Land würde einfach abtreiben, deswegen übernahmen sie die Kontrolle. Zu dieser Zeit, hatte die Regierung die Kontrolle verloren- Ich glaube die meisten Historiker stimmen da mit mir überein – und so fiel sie ziemlich schnell. So kam es zu 23 Jahren Militärregime bis 1991.

Annabelle Quince: Und wie.. wenn sie sagen Militärherrschaft. War sie sehr repressiv oder wie war diese Herrschaft?

Gregory Mann: Es war ein repressives Regime. Leute im Gefängnis wurden oft nicht ins Gefängnis, sondern in die Sahara geschickt. Es gab keine Redefreiheit, es gab viele „Bereinigungen“ unter den Militärs: Teile des Offiziercorps versuchten ihre Rivalen zu beseitigen, ihre früheren Verbündeten. Und es war bis 1991 ein repressives Regime, als eine Art Studentenbewegung zusammen mit einer Frauenbewegung viel Druck auf die Regierung in der Hauptstadt Bamako, aber auch in anderen Städten des Landes, ausübte.
Zu dieser Zeit gab es bereits eine Rebellion im Norden und die Regierung schien keine richtige Lösung, weder für die Rebellion im Norden, noch die sozialen Bewegungen im Süden zu haben. Die Armee rief ihre Truppen auf die Straßen; der Präsident Moussa Traoré rief seine Soldaten auf die Straßen von Bamako. Sie töteten viele Zivilisten, doch dann entschied ein Offizier einer paramilitärischen Einheit, dass das nicht der richtige Weg war … Sie initiierten einen Putsch und stürzten Moussa Traoré.
Annabelle Quince: Der demokratische Aufstand von 1991 beseitigte die Militärdiktatur und errichtete eine Demokratie, sowie politische Freiheit in Mali.

Mamadou Diawara: Dieser Moment ist von zentraler Bedeutung für Mali, und nicht nur für Mali, sondern auch für Afrika, denn es war eine der ersten Demokratisierungen auf dem Kontinent. Es bedeutete ein Gedeihen von politischer Freiheit und Presse. Es bedeutete auch ein Mehrparteiensystem: Mali wird „Das Land der hundert politischen Parteien“ genannt. Und es gibt mehr als hundert verschiedene Zeitungen, sowie mehr als 250 Radiosender. Es war eine fantastische Zeit: 20 Jahre lang, in diesen 20 Jahren gab es ein wirkliches Gedeihen der Demokratie. Und wir arbeiteten hart für diese Demokratie. Wir hatten Institutionen, Parlamente, Regierungen und so weiter und so fort.

Gregory Mann: Sicherlich gab es , in Mali, viel Redefreiheit in den letzten 20 Jahren. Auf mich selbst hat das viel Eindruck gemacht, ich war sogar begeistert, wie beißend die Reden im Radio werden konnten, die Beleidigungen die man an den Präsidenten oder Politiker, an verschiedenste Minister und die herrschende Klasse richtete. Es gab für viele Jahre eine aktive Presse, die nicht immer, notwendigerweise, sehr akkurat war. Aber sie war definitiv politisch engagiert und hatte eine weite Spanne an Möglichkeiten.

Annabelle Quince: Ungeachtet der politischen Freiheiten, gab Malis demokratische Regierung nicht immer die politische Führung, die viele in Mali wollten und brauchten.

Journalist (Archivmaterial): Reiche kommen und gehen in Mali… Wadyan Ongoybe hat von seinen Herrschern nie etwas bekommen: Kolonialherren, Militärdiktatoren, und nun Demokraten. Es ist sein Land, das ihn vor dem Hunger schützt, doch dieses Land hat Wadyan Ongoybe auch Verbitterung gebracht. Felder, die er einst besaß, werden von einem anderen Dorf beansprucht und die Regierung wollte nicht eingreifen.
Gregory Mann: Ich glaube, Malis Demokratie hat zur selben Zeit, viele negative Charakterzüge einer Demokratie aus andern Ländern übernommen, wie zum Beispiel, die der Vereinigten Staaten und überall dort, wo eine Art „Get along to go along“- Mentalität beginnt sich zu verwurzeln, wo die wirklichen Streitthemen irgendwie überspielt werden. ATT, Malis Präsident bis 2012, war ein wahrer Meister in dieser Methode: Er tat alles um jedem tiefgreifenden Konflikt auszuweichen und ging mit Fehlern nachsichtig um, vielleicht, weil er keine richtige bestimmte ideologische Richtung oder Idee hatte, wohin er das Land führen wollte.

Annabelle Quince: Der Sturz der Militärdiktatur 1991 traf mit einem Aufstand der Tuareg, die größere politische Autonomie forderten, im Norden zusammen. Die Unruhen und Gewalt brachten viele der Nomaden des Nordens dazu in Flüchtlingscamps in den Nachbarländern zu fliehen.
Journalist (Archivmaterial): Flüchtlingslager sind selten angenehme Orte, doch sicher gibt es selten ein so abgelegenes, düsteres und von der übrigen Welt so vergessenes wie dieses . Die Flüchtlinge sind Wüstennomaden aus dem riesigen westafrikanischen Mali. Sie flohen vor vier Jahren aus deren Heimat in der Nähe von Timbuktu nach Batacanou, in der südöstlichen Ecke des benachbarten Mauretaniens.

Gregory Mann: Der Putsch von 1991 geschah vor einer Kulisse, oder einem Teil einer Kulisse, einer Rebellion, die im Norden schon begonnen hatten, in welcher Tuaregkämpfer und Politiker eine größere Autonomie für den Norden forderten. Und sie wollten einen höheren Grad von Selbstverwaltung in der Sahara. Der Konflikt wurde größtenteils 1996 gelöst, aber nur für eine gewisse Zeit, und er flackerte 2006 wieder auf.

Annabelle Quince: Der Friedensvertrag von 1996 zwischen der neuen demokratischen Regierung von Mali und den Tuaregrebellen versprach die Rückführung der Tuareggemeinschaften, die in Umsiedlungscamps gezwungen worden waren, und die Möglichkeit für Tuaregs, der Zentralregierung in Bamako beizutreten.

Journalist (Archivmaterial): Vor zwei Tagen, gab es in der medial kaum berücksichtigten westafrikanischen Nation von Mali Parlamentswahlen. Es ist erst das zweite Mal, seit sie die Unabhängigkeit von Frankreich erlangt haben, dass die Malier wählen dürfen. In den meisten der vergangenen 30 Jahren wurde Mali durch eine Militärdiktatur regiert. Diejenigen, die am meisten unter dem Regime litten, waren die Nomaden des Landes, die in der Sahara leben. Fünf Jahre zuvor rebellierten die malischen Nomaden gegen die Junta und nun kommen zehntausende Flüchtlinge unter einer demokratischen Regierung zurück nach Hause.

Gregory Mann: Der Friedensvertrag, wurde als großer Erfolg gesehen. Es war etwas, dass ausländische Kräfte, die an Mali interessiert waren, wie die USA, sehen wollten. Es war etwas, dass Alpha Oumar Konaré, der zu der Zeit Präsident war, wollte. Es schien einen Prozess eingeleitet zu haben, in dem Teilen der Sahara größere Autonomie zugestanden wurde, wie es die Tuareg gefordert haben, aber auch einem großen Teil der Tuaregelite, den Führern von Tuaregfamilien – und Geschlechtern, die mehr oder minder gut mit der Regierung zusammengearbeitet haben, Positionen als Minister oder einem andersartigen Regierungsposten oder Botschafterdienst hier und dort anboten. Aber auch Tuaregkämpfer sind in die malische Armee und in die Gendarmerie( Polizei), die regulären Streitkräfte, integriert worden.
Und dies war Anlass zu mehr Integration, zur Erschließung von Infrastruktur im Norden, aber auch zu größerer Autonomie. Selbst die Region von Kidal – Kidal ist eine Art Metropole in der malischen Sahara, wenn sie überhaupt eine hat – egal, eine zentrale Stadt in der malischen Sahara, Kidal wurde eine Region mit ihren eigenen Bestimmungen und Regeln, etwa wie ein Staat in den USA.
Und so war dies ein vorläufiger temporärer Erfolg insoweit, dass, wie ich schon sagte, ein guter Teil der Tuaregelite mit der Regierung zusammen arbeitete und einige der Themen, mit denen sie diese Rebellion hatten beginnen können… nicht wirklich aus der Welt geschafft wurden, aber wenigstens, durch diesen Vertrag, eingedämmt wurde.

Mamadou Diawara: Spannung zwischen diesen beiden Teilen des Landes kann man nicht einfach beschreiben indem man es als Nord- Südproblematik erklärt. Denn es gibt im Norden viele verschiedene ethnische Gruppen, wenigstens zehn, die in diesem Teil des Landes leben, aber nicht alle in der Rebellion involviert waren. Das Problem in diesem Teil des Landes ist dass es .. naja es ist sehr trocken. Die Menschen, die dort leben, sind von schweren Einschränkungen, wirtschaftlichen Einschränkungen betroffen. Und die Demokratisierung und Dezentralisierung der 90er Jahre war eine Art Lösung für das Streben nach Autonomie in diesem Teil des Landes, oder ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.
Und diese Dezentralisierung ist im ganzen Land vorangeschritten, in ganz Mali, und das Problem war nun, dass es in den 90er Jahren eine zweite Rebellion gab, die von der Dezentralisierung, die dazu führen sollte, dass jede Region mit der ihr gegebenen Autonomie nun auch ihre eigenen Probleme lösen sollte, befördert wurden.
Aber der Punkt ist , dass 2012 eine komplett neue Dimension dieser vielfältigen offenen Frage aufkam, da wir hier von einem Land sprechen, welches mit dem Kollateralschaden des Arabischen Frühlings in Libyen konfrontiert wurde.

Journalist (Archivmaterial): Diesen Konflikt gibt es jetzt schon, mehr oder minder intensiv geführt , seit Jahrzehnten, doch nun gab es scheinbar eine Eskalation. Viele Tuareg kamen als Söldner aus Mali nach Libyen, um auf Seiten Gaddafis zu kämpfen und brachten danach ihre Waffen mit nach Hause. Nun haben sie mehr Feuerkraft, und der Konflikt wurde wiederbelebt.

Gregory Mann: Die Dinge haben sich geändert. Eigentlich haben sich hauptsächlich drei geändert. Das erste ist, dass vor etwa sechs Jahren oder mehr, eine mehr oder minder spektakuläre Entführungsserie in der Sahara begann, bei welcher europäische Regierungen begannen, große Summe für die Befreiung ihrer Bürger zu zahlen. Es entstand eine regelrechte Industrie, ein richtiger Wirtschaftszweig, rund um die Entführungen im Norden, der zu einem instabilen, sehr gefährlichen Ort für Leute mit europäischem Pass wurde. Und die meisten der Entführungen geschahen im Niger oder in Mauretanien; Sie geschahen in Mali selbst bis etwa 2010 nicht.
Die andere große Veränderung geschah beim Schmuggel – obwohl Schmuggel durch und in der Sahara ein lukrativer Geschäftszweig war. In der Vergangenheit wurden vor allem Zigaretten oder Menschen geschmuggelt: Menschenschmuggel, Menschenhandel, Migranten die über das Mittelmeer wollten um in Europa zu arbeiten. Aber in letzter Zeit wurde der Drogenschmuggel wichtiger und wichtiger, hauptsächlich Kokain aus Lateinamerika. Es war ein großes Problem in Kinibisau, in Guinea, und nun wird es zu einem großen Problem in Mali. Und nun redet man über riesige Summen, die fließen.
Das nächste Element im Gleichgewichtsverlust, war der arabische Frühling in Libyen und die NATO- Intervention, die Muammar Gaddafi wahrscheinlich zugrunde richtete. Eine Folge war die Rückkehr einer großen Gruppe Tuaregkämpfer mit Waffen aus Libyen. Und dies waren Leute, dies waren Männer, die für eine lange Zeit – in einigen Fällen jahrzehntelang – Teil des libyschen Militärs waren, die mehrheitlich in den 1970ern nach Libyen kamen, um bei den Sicherheitskräften Gaddafis zu dienen.
Einige davon waren hohe Offiziere in der libysche Armee, einige von ihnen haben die libysche Staatsbürgerschaft angenommen, doch als sie die Zeichen der Zeit vernahmen, verließen sie Libyen, und durchquerten entweder Algerien oder den Niger- es kommt darauf an, welcher Quelle man glauben soll. Doch als sie in Mali ankamen und die malische Regierung ihnen nicht die Waffen abnahm, oder sie in eine Art Auffanglager brachte, waren sie stattdessen in der Lage eine Rebellion auf die Beine zu stellen, die einige von ihnen schon einige Zeit geplant hatten und die darauf abzielte, den Norden autonom zu machen.

Annabelle Quince: Sie sind bei „Rear Vision“ auf Radio Australia und im Web. Ich bin Annabelle Quince und heute geht es um die Geschichte der Westafrikanischen Nation Mali..
Als die Unabhängigkeitsbewegung der Tuareg – die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad – oder MNLA – begann, Städte im Norden Malis zu übernehmen, initierte das malische Militär einen Putsch im Süden des Landes.

Mark Colvin, PM (Archivaufnahmen): Betrunkene Soldaten haben Malis Präsidentenpalast nur Stunden nach ihrer Machtübernahme geplündert. Der Putsch hat einen Präsidenten entmachtet, der nur einen Monat davon entfernt war seine Macht niederzulegen. Die Meuterer sagen, dass sie die Regierung entmachten, da die Regierung den Aufstand im Norden des Landes nicht richtig managt.

Gregory Mann: Die malische Politik hat sich in den letzten Jahren durch eine Art Richtungslosigkeit, wachsende Korruption, und durch die extreme und extrem zu Tage geförderte soziale und wirtschaftliche Ungleichheit ausgezeichnet. Die Menschen waren einigermaßen müde von dem Regierungsstil ATTs, dem Präsidenten der gestürzt wurde. Sie glaubten nicht, dass die kommenden.. die Präsidentschaftswahlen, die für das Frühjahr geplant waren, sie glaubten nicht, dass sie korrekt ablaufen würden. Es gab viel Streit um die Wählerlisten, die typische Art von Spannung, die vor einer Wahl aufkommt.
Die Leute hatten genug von der Richtung, die das Land einschlug, genau deswegen hatte ATT nicht sehr viele Unterstützer nach dem Putsch. Andererseits waren die Gründe für den Putsch undurchsichtig. Einige Analysten glauben es sei eher ein Unfall gewesen; ich tendiere zu der Ansicht, dass der Putsch improvisiert war.
Er wurde sicherlich durch eine Reihe von Missständen unter den niedrigen Offiziersrängen in der malischen Armee befördert, die erkannten, dass die Regierung sie nicht in ihrem Kampf im Norden unterstützen würde, dass der Tuaregrebellion im Norden kein richtiger aktiver Widerstand entgegen stand. Stattdessen wurde Ihnen immer wieder befohlen sich zurückzuziehen und in den Momenten in denen ihnen befohlen wurde zu bleiben und zu kämpfen, waren sie waffentechnisch unterlegen, wurden sie ausmanövriert und sie hatten riesige logistische Probleme, die charakteristisch… natürlich ist die Sahara kein einfacher Ort zu kämpfen und eine militärische Operation durchzuführen. Und sie fühlten sich nicht durch den Süden unterstützt.
Hervorzuheben ist eine wichtige militärische Niederlage, zu Beginn des Jahres, in der Stadt Aguelhok im Norden. Nach der Niederlage wurden malische Soldaten gefunden, denen offensichtlich die Kehle durchgeschnitten wurde, entweder durch Kämpfer von Ançar Dine oder von der MNLA. Das ist kontrovers diskutiert worden und viele Leute leugnen, dass das passiert ist, aber sicherlich glauben die malischen Soldaten im Süden, dass es passiert ist und auch die Malier generell glauben es und machen für diese Gräueltat nicht nur die MNLA und ihre islamistischen Verbündeten, sondern auch die Regierung im Süden verantwortlich. Und so gab es ein großes Maß an Frustration mit der Regierung im Süden, vor allem unter den Militärs und insbesondere in den Reihen der Unteroffiziere des Militärs. Und das alles löste den Putsch im Wesentlichen aus.

Annabelle Quince: Ende März kontrollierten die Tuareg Rebellen schließlich, mithilfe ihrer Verbündeten, fast Zwei-Drittel des Landes.

Ginny Stein, ABC News (Archivaufnahmen): Die Tuaregrebellen verkündeten einen Waffenstillstand und sagten, dass sie nun genug des Nordens von Mali besitzen würden, um ihren eigenen Staat zu gründen. Die malischen Militärs rechtfertigten ihre Machtübernahme, indem sie behaupteten, die zivile Regierung sei zu nachlässig mit den Rebellen im Norden umgegangen. Doch seit dem Putsch konnten die Rebellen ihre Eroberungen praktisch unangefochten vorantreiben.

Gregory Mann: Die MNLA nahm ihren Teil des Nordens, den sie Azawad nennen, in Besitz, indem sie sich mit besser bewaffneten und ausgebildeten Kämpfern zusammentaten, die nicht die gleichen Ziele wie sie hatten. Und dies war ein Zweckbündnis, um die malische Armee aus der Sahara zu jagen, unter Mithilfe des Putsches in Bamako. Und dies war ein Bündnis, welches lange genug hielt, damit die Islamisten ihr eigenes Bündnis mit Al-Qaïda im islamischen Maghreb und einer lokalen Terroristengruppe, namens Bewegung für Einheit und Jihad in West Afrika (MUJAO), etablieren konnten.
Unter den Tuaregseperatisten der MNLA, dessen Führung vorwiegend säkular denkt, unterstützten sie eine progressive Politik. Sie sprachen über Geschlechtergleichheit, die häufiger in der Tuareggesellschaft auftaucht als in vielen der benachbarten Gesellschaften, und sie haben kein Interesse an einem islamischen Gottesstaat, und sie haben sicherlich kein Interesse an der Art von Selbstjustiz- Version der Scharia, die einige der Islamisten, die im Norden Malis die Macht an sich gerissen haben, praktizieren.
Die MNLA war stark in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Diplomatie, aber scheinbar viel weniger in Sachen Militär. Nichts von dem wurde so klar wie in den letzten Wochen, als die Islamisten, vorwiegend Ançar Dine unter der Führung von Iyad Ag Ghali, die MNLA förmlich aus den vermeintlich von ihnen kontrollierten Städten, Gao und Timbuktu, vertrieben.

Annabelle Quince: Nach der Niederlage der Regierungstruppen fiel das Bündnis zwischen den Tuaregrebellen und ihren islamistischen bis dato Verbündeten auseinander, so dass die Islamisten nun den Großteil Nordmalis kontrollieren.
Ashley Hall, The World Today (Archivaufnahmen): Die westafrikanischen Staaten drängen Mali die politische Instabilität zu beenden und sich gegen Al-Qaïda im Norden des Landes zu verbünden. Die Islamisten kontrollieren nun fast Zwei-Drittel von Mali, auch die historische Metropole Timbuktu, in der sie Schreine vernichteten und die Bevölkerung terrorisieren, um ihre Vorstellung der Scharia durchzusetzen.

Mamadou Diawara: Wie ich bereits erwähnt habe, kamen die Leute aus Libyen und waren zu Beginn die am lautesten schreienden, doch nun wurden sie aus Timbuktu und den anderen Städten herausgeworfen und sind nun nur noch eine marginale Truppe. Nun sitzt die MUJAO in Gao und diese Salafisten – oder die Gruppe der Salafisten, die AQMI-Leute – sind nun im Norden Malis, wie zum Beispiel in Timbuktu und Kidal präsent. Und die Beziehungen zwischen ihnen sind alles andere als harmonisch. Jeder kämpft für seine eigenen Interessen.

(Musik)

Ginny Stein, The World Today (Archivaufnahmen): Jeden Tag fliehen mehrere tausend Menschen aus Mali in provisorische Flüchtlingslager, die in abgelegenen Regionen und in den Nachbarländern entstanden sind. Der Niger, Burkina Faso, Mauretanien und Guinea haben ihre eigenen Probleme. Und nun stehen sie vor der Herausforderung zehntausende Flüchtlinge aufzunehmen. Während der Niger gezeigt hat, dass man aus einer Krise herauskommen kann, müssen sie nun mit einer anderen umgehen: Ein Exodus, mit dem niemand in Westafrika gerechnet hat, der nicht nur durch Krieg oder Hungerkatastrophen ausgelöst wird, sondern durch Recar Dine, eine fundamentalistische Al-Qaïda nahe Bewegung, deren Name „Verteidiger des Glaubens“ bedeutet.

Mamadou Diawara: Zwei Drittel des Landes werden durch Rebellen kontrolliert – ZWEI DRITTEL. Und diese zwei Drittel des Landes werden nicht nur von den sogenannten Tuaregs bevölkert; Es gibt auch viele andere ethnische Gruppen, die durch diese Krise betroffen sind. Die Folge dieser Invasion ist ein Desaster, eine humanitäres Desaster. Der UNHCR hat Mitte Juli ungefähr 250 000 malische Flüchtlinge in Ländern wie Mauretanien, Burkina Faso und Niger gezählt, und in Mali selbst gibt es nochmal ungefähr 170 000 bis 200 000 Binnenflüchtlinge. Es gibt also mehr als 450 000 Menschen, die ihr Hab und Gut zurückgelassen haben und ihre Heimat verließen und nun Flüchtlinge sind.
Gregory Mann: Es gibt eine große Diskussion um eine Intervention von außen im Norden Malis. Was im Norden geschieht, ist nicht nur gefährlich für die Menschen, die im Norden leben – die Tuareg, die Songhai, die Peulh und andere – es ist auch für alle Nachbarn Malis gefährlich. Es ist sehr gefährlich für den Niger – der Präsident des Nigers gibt extrem freimütig zu, dass er diesen Konflikt gelöst sehen will. Es ist aber genauso gefährlich für Mauretanien, Algerien und Nigeria – und so fühlen sich alle Nachbarn extrem bedroht.
Al-Qaïda im islamischen Maghreb, welche die Hauptterrororganisation im Norden ist, hat offen zugegeben, dass ihr Hauptgegner Frankreich ist und so fühlt sich Frankreich auch direkt in das Geschehen in der Sahara verwickelt – nun, im Grunde ist Frankreich in mehr als diesem Fall direkt involviert, aber Frankreich fühlt sich direkt angegriffen und bedroht von dem, was zur Zeit in der Sahara passiert.
So gab es eine große Diskussion über eine Intervention; doch niemand scheint sich richtig dafür einsetzen zu wollen. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (kurz ECOWAS oder CEDAO), dessen Mitglied Mali ist, hat zugestimmt eine Eingreiftruppe zu schicken. Die malische Regierung hat bisher noch keine Anstalten gemacht eine Intervention von außen zu akzeptieren, weder von den Nachbarstaaten, geschweige denn von Truppen außerhalb Afrikas.
Gleichzeitig, ist unklar, wie der Konflikt ohne eine militärische Intervention gelöst werden kann. Die malische Armee ist ganz klar derzeit kampfunfähig. Sie ist demoralisiert. Viele der Unteroffiziere haben höhere Offiziere verhaftet, dadurch enthaupten sie sich quasi selbst… Sie scheinen nicht den Willen zu haben zu kämpfen. In Mali gibt es nun großen Unmut über die Tatsache, dass die Armee scheinbar in ihre Baracken zurückgekehrt ist und nun ruhig dasitzt, während die Menschen im Norden durch Kriminelle und Gangster terrorisiert werden. So ist die Situation auch im Süden angespannt, wo die Menschen erwarten dass etwas passiert. Sie erwarten eine Art militärische Rückeroberung, doch man muss abwarten wie die malische Armee das alleine schaffen will.

Annabelle Quince: Das war Gregory Mann, Privatdozent für Geschichte an der Columbia Universität. Und mein anderer Gast war Mamadou Diawara, Professor für Anthropologie an der Universität Frankfurt. Die Toningineurin ist Jennifer Parsonage. Ich bin Annabelle Quince und Sie hörten „Rear Vision“ auf RN. Danke wie immer, dass Sie bei uns waren.
© 2012 Radio National abc.net.au

Übersetzt von Tanja–Aminata Bah

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s