BERICHT AUS DER REGION MOPTI von Jutta Ratschinske, der Eigentümerin des Hotels MANKAN TE

MANKAN TE – Il n’y a pas d’histoires – Es gibt keine Geschichten, keine Probleme

RUNDBRIEF

aus Sévaré, 17.8.2012

Ein kleines Grüppchen von jungen Männern, die sich unterhalten und plötzlich herzhaft zu lachen anfangen, dort eine Frau mit Baby auf dem Rücken und Einkaufseimer auf dem Kopf, einige Alte unter einem Baum sitzend und gelegentlich ein paar Worte austauschend, ein Junge, der einen Reifen vor sich her treibt – das normale Straßenbild halt, dies ist der erste Eindruck, den ich nach meiner Ankunft in Sévaré habe.

Man sieht nicht die vielen Militärs, die in hier zusammengezogen wurden – Sévaré ist jetzt die Bastion zum Norden – nur gelegentlich mal eine Militärpatrouille.

Auch die ca. 4 bis 5 Tausend Leute aus dem Norden sind kaum zu sehen. Sie bleiben in ihren Unterkünften und hoffen, daß irgend etwas passiert, damit sie in ihr Dorf, ihre Stadt zurückkehren können. Arbeit gibt es für sie nicht. Warten ist angesagt.

Auch für mich ist nach allgemeinen Aussagen alles normal, keine Sicherheitsprobleme bezüglich Entführung oder dergleichen. Man rät mir allerdings, vorsichtig zu sein, da mit der hohen Zahl der Arbeitslosen auch die Gefahr der Kriminalität wächst.

Sévaré hatte knapp über 20000 Einwohner, seit Januar treffen täglich Menschen aus den nördlichen Gebieten ein. Laut UNO/AFP haben 436000 Menschen ihr Zuhause verlassen, teils um in die Nachbarländer Malis zu gehen, teils um in Mali selbst bei Verwandten oder Bekannten Unterschlupf zu finden oder aber in Flüchtlingslagern. Als Zahl für die Region Mopti wird 134000 genannt. Auf jeden Fall ist die Tendenz immer noch steigend.

Dies ist ein Auszug aus einer Mail an mich: Im übrigen wird man hier momentan überschwemmt mit Hilferufen für syrische Flüchtlinge, obwohl, wie ich heute gelesen habe, in Mali mit fast einer halben Million quantitativ und qualitativ viel größeres Elend herrscht.

Das Wort Flüchtlinge hört man nicht gern, es sind déplacés – Leute, die angesichts der unerträglichen Situation daheim sich von dort fortbewegt haben. Anfangs wurden die Zugezogenen in Schulen und auf Fußballfeldern untergebracht. Jetzt haben Hilfsorganisationen am Ortsrand Zeltlager aufgebaut. Viele Neubürger sind auch bei der örtlichen Bevölkerung untergekommen. Angeblich schlafen bis zu 12 Personen auf Matten in einem kleinen Zimmer. Selbst habe ich das allerdings noch nicht gesehen. Kommentar eines Angestellten: Auf einer Matte für zwei bis drei Personen können ohne weiteres 6 Personen schlafen – oder man schläft umschichtig.

Die Nahrungskrise betrifft leider nicht nur die Zugezogenen, sondern auch die ursprüngliche Bevölkerung. Nach der schlechten Ernte im Vorjahr sind die Vorräte aufgebraucht. Bis zur nächsten Ernte sind es noch 2-4 Monate, je nach Getreide- und Gemüseart. Das Angebot reicht nicht für den Bedarf der Bewohner Sévarés. Die Preise sind drastisch gestiegen und stehen in keinem Verhältnis mehr zu den mageren Einkommen. Wohl dem, der einen kleinen Acker hat und dadurch wenigstens auf eine gute Ernte hoffen kann – so der Regen denn im richtigen Maß fällt.

Ich habe eine Vertrauensperson mit Grüppchen von je 3 Vertretern von jeweils 3 Familien und den entsprechenden Umschlägen auf den Markt geschickt. Wegen der Wichtigkeit dieses Unternehmens war der Vertreter manchmal der Familienvorstand selbst. Sonst gehen Männer selten auf den Markt.

Foto (c) Jutta Ratschinske, Maus zeigt Bildunterschriften an

Eine vierköpfige Familie verbraucht in normalen Zeiten ca. 25kg Reis und 25kg Hirse pro Monat. Dazu kommen dann täglich die Zutaten für die Soße: Öl, Zwiebeln, Gombo (Okra) als Soßenbinder, Gewürze in Miniportionen und nicht zu vergessen der Magische Würfel. Wem es etwas besser geht, kann gelegentlich auch einen Fisch kaufen. Ein Fisch – der Angestellte zeigt ca 20cm mit den Händen – Kopf bis Schwanz inbegriffen – kostet jetzt fast 500 Fcfa gegenüber 200 vor 2 Jahren. Ich fühle mich stark erinnert an die Nachkriegszeit, als ein Teller mit einem Matjeshering in die Mitte des Tisches gestellt wurde und jeder seine Kartoffel daran rieb, um den Geschmack zu bekommen. Und zum Thema Preis des Fleisches erhielt ich die Aussage: Den genauen Preis weiß ich nicht, ich habe seit einem Jahr kein Fleisch mehr gekauft. Der Fleischpreis liegt zurzeit bei 4€ für Fleisch mit Knochen. Das gibt es 250g-weise zu Festtagen. Mehr ist nicht drin, denn der Reis verschlingt mit 60-75€ pro 100kg bereits den größten Teil des zur Verfügung stehenden Geldes. 40€ € sind das staatlich festgelegte Minimalgehalt, hohe Funktionäre haben etwa 300€ €. Aber wer ist schon hoher Funktionär?

Bei diesem Verhältnis von Einkommen und Lebensmittelpreisen sollte möglichst niemand krank werden. Wenn doch – wer kann mir einen Kredit geben? Zurzeit scheint fast jeder total verschuldet zu sein, aber irgendwann gibt es auch niemanden mehr, der Geld verleihen kann. Meistens werden die Schulden jedoch eh nicht zurückgezahlt, sondern stillschweigend als Geschenk betrachtet.

Gibt es dann einen schweren Krankheitsfall, ist das schon fast ein Todesurteil, denn zunächst muß das Geld für den Transport aufgetrieben werden und dann das Geld für die Behandlung und die Medikamente im Krankenhaus, selbstverständlich im Voraus!

Vom Spendengeld wurde der Transport eines Patienten von Gourma-Rhar ous nach Gossi gezahlt – 200km Sandpiste, 270€ € – den weiteren Transport per Bus bis ins Krankenhaus übernahm die Familie. Der Patient ist inzwischen genesen. In seiner Heimatstadt wäre die Behandlung nicht möglich gewesen. Im Norden gibt es praktisch keine medizinische Versorgung mehr. Ein Blasenstein, der zum Tode geführt hätte, konnte in Mopti behandelt werden.

Einen Beitrag zur Genesung von Kranken leistet auch meine Untermieterin. Sie hat zeitlebens als Krankenschwester überall in der Welt für Hilfsorganisationen gearbeitet. Sie behandelt die Wunden und Malariafälle in unserer direkten Umgebung. Früher habe ich das selbst gemacht, aber ich überlasse das gerne einer Fachkraft. Für das Verbandszeug und die Medikamente halte ich einen Fonds bereit.

In der Regenzeit werden aus unbedeutenden kleinen Verletzungen schnell große und tiefe Wunden. In den Lagern kümmern sich die Organisationen um die Krankenversorgung. Und gerade höre ich, daß in den Gesundheitszentren jetzt ein Programm angelaufen ist, welches der Unterernährung von Babies den Kampf angesagt hat. Unterernährung ist nicht nur bei den Zugezogenen, sondern auch bei der örtlichen Bevölkerung inzwischen ein Thema. Von Epidemien wie z.B. Cholera ist unsere Region bisher verschont geblieben.

Und zum Schluß ein Blick nach vorn. Ich müßte eine rosa Brille aufsetzen um sagen zu können, alles wird wieder gut werden. Leider wird die derzeitige Situation sich wahrscheinlich nicht so schnell ändern. Die Lebensader Nr. 1 in der Region Mopti, der Tourismus ist zerstört. Es wird lange dauern, bis das Vertrauen der Europäer wieder zurückgewonnen werden kann und die ersten Reisenden hier wieder auftauchen. Auf jeden Fall ist das dann einen Rundbrief wert zusammen mit der Einladung, uns hier in der Region Mopti zu besuchen. Eine Tagestour nach Djenné, ein bißchen Wandern im Dogonland, das Beobachten des Treibens am Hafen in Mopti könnten dann wieder auf dem Programm stehen – und natürlich die Begegnung mit den Menschen, die sich hoffentlich ein bißchen ihrer Mentalität über die schwierigen Zeiten werden retten können.

Ein herzliches DANKE !

im Namen aller an alle, die sich bisher schon an dieser Hilfsaktion beteiligt haben.

Jutta Ratschinske

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Für den Fall, daß der Aufruf von vor zwei Wochen, adressiert an ehemalige Gäste, Freunde und Verwandtschaft evtl. weitergeleitet werden soll, füge ich ihn nochmals an:

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Zurzeit bin ich noch in Bamako und verfolge von hier aus die Situation in Sévaré. In 8-10 Tagen werde ich nach dort zurückkehren und vor Ort wohl einen noch besseren Einblick in die aktuelle Lage bekommen.
Im Moment sieht die Lage so aus:
Viele der Menschen, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, sind durch die politischen Ereignisse und den Einbruch im Tourismus aufgrund des Terrorismus in große wirtschaftliche Not geraten.
Trotz ihres geringen Einkommens haben viele Familien Flüchtlinge aus dem Norden aufgenommen. Außer den Schwierigkeiten bei der Nahrungsbeschaffung ist in einigen Fällen auch medizinische Behandlung notwendig. Früher habe ich mich meistens darum gekümmert, aber jetzt und in dieser Menge übersteigen die Kosten meine finanziellen Kräfte.
In anderen Familien ist dem Ernährer die Arbeitsgrundlage entzogen. Wie ja den meisten bekannt, stand der Tourismus wirtschaftlich an erster Stelle in der Region Mopti. Heute gibt es praktisch keinen Tourismus mehr – Arbeitslosigkeit mit allen Folgen für die betroffenen Familien ist nun die traurige Wahrheit.
Ich habe mich daher entschlossen, eine humanitäre Hilfsaktion zu starten. Bekannte, Verwandte und Freunde möchte ich bitten, mir bei der Bewältigung der Notsituation zu helfen – und zwar in einem Bereich, den ich selbst überblicken und kontrollieren kann. Um die Flüchtlingslager kümmern sich internationale Organisationen.
Dieser Hilferuf darf gerne auch an Dritte weitergeleitet werden.
Wie schon im Naturkatastrophenfall vor einigen Jahren übernehme ich die Verteilung der eingehenden Spenden und die Verantwortung, dass das Geld den betroffenen Familien zufließt.
Ich hoffe auf ein Gelingen dieser Hilfsaktion.

Liebe Grüße aus Mali

Jutta
genannt MANKAN TE

Spendenkonto:

Konto Les Amis de Nokara
Gerhard Geschwill
1312586
BLZ 660 501 01
Sparkasse Karlsruhe-Ettlingen
IBAN DE05 6605 0101 0001 3125 86
SWIFT-BIC: KARSDE66
Die Überweisung sollte den Zusatz Mali-Hilfe MANKAN-TE haben.
Wird eine Spendenbescheinigung erwünscht, dann bitte an mich per Mail die kompletten Daten schicken (Konto und postalische Adresse). Ich leite diese dann an Herrn Geschwill weiter.


Foto (c) aramata: Jutta in ihrem Hotel in guten Zeiten, wo sich viele zu Hause fühlten

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