Die verborgenen Narben – BESCHNEIDUNG IN MALI

Dies ist ein Bericht aus Mali über die Praxis der Beschneidung und deren Bekämpfung aus dem Jahre 2007, der mit viel Einfühlungsvermögen die Situation im Lande darstellt, so wie man sie auch heute noch antrifft.

Die verborgenen Narben

Der Tagesspiegel 19.3.2007

Von Ariane Bemmer

Im ersten Stock des Hauses in der Rue 414, Bamako, Mali, knallt der Chef der Organisation AMPDR einen hölzernen Frauenunterleib auf den Tisch und nimmt den Intimbereich heraus, so dass zwischen den Beinansätzen eine dreieckige Lücke klafft. Voilà.
Unser Mannequin, sagt Gaoussou Ouattara. Die Figur nehmen sie mit, wenn sie in die Dörfer fahren.

Er setzt das entnommene Dreieck wieder ein. Aufgemalt sind Klitoris, innere und äußere Schamlippen, detailliert und rosig, fast anzüglich.

Die Luft ist stickig, die Sonne steht am Nachmittag schon niedrig und scheint direkt in das Büro von Ouattara, auf dessen Schreibtisch neben dem Mannequin zwei kleine Vasen mit Plastikblumen stehen.

In einem Pappkarton liegen weitere Holzdreiecke, die in die Lücke passen. Eins zeigt eine blutrote Fläche, die mit schwarzen Fäden vernäht ist und ein fingerkleines Löchlein offen lässt. Der Intimbereich einer beschnittenen Frau.

Sie haben auch Mappen mit gemalten Bildern. Die zeigen, was passiert, wenn beschnittene Frauen Kinder bekommen. Wie das Gewebe reißt und Blut strömt. Ein Gemetzel, mit Buntstift gezeichnet.

Die AMPDR, die Association Malienne pour le Développement Rural, gegründet 1994, ist eine von vielen nichtstaatlichen Organisationen, die gegen die Beschneidung kämpfen. Excision, wie es auf französisch, der Amtssprache heißt.

Die Tür zu Ouattaras Büro geht auf. Gritt Richter vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der im selben Haus ein Büro hat, verabschiedet sich. Sie hat eine Verabredung mit einer Frau, die von ihren fünf Töchtern die zwei jüngsten nicht beschneiden ließ. Gritt Richter will wissen, warum.

In manchen Dörfern, sagt Ouattara, würden er und seine Leute mit Steinen beworfen und fortgejagt.

Aber es gibt auch ein paar Orte, die sich zu beschneidungsfreien Zonen erklärt haben. Wie viele genau es sind, weiß man nicht.

Mali ist in Westafrika das einzige Land, in dem Beschneidung nicht verboten ist. Die Regierung sagt, um die Tradition nicht in die Illegalität abzudrängen, der Präsident, der kommenden Monat erneut zur Wahl steht und gewinnen wird, hält sich zurück. Man wolle, so die offizielle Linie, mit Aufklärung und Sensibilisierungskampagnen die Bevölkerung zum Umdenken bewegen. Andererseits hört man, dass Menschen aus Nachbarländern mit ihren Töchtern nach Mali kämen, um sie dort legal zu verstümmeln.

Seit der große Baum umgefallen ist, hat das Dorfkomitee von Kano Sendè, das vor vier Jahren einen unerhörten Beschluss fasste, keinen Platz mehr, wo es zusammentreffen kann. Jetzt will man einen Versammlungsraum bauen. Aus Lehm formen, von der Sonne trocknen lassen und Wellblech oder Matten als Dach benutzen. Bis dahin hocken sie in einem niedrigen, an einer Seite offenen Unterstand hinter dem Ortseingang.

Kano Sendè, eine Ansammlung runder braungrauer Häuser mit spitzen Strohdächern hinter einem hohen Holzzaun, liegt schwer erreichbar hoch oben auf schrägen Gesteinsplatten in der Region Mopti. Kano Sendè ist eines der Dörfer, die, an der offiziellen Gesetzeslage vorbei, die Exzision verboten haben: Seit 2003 wird hier kein Mädchen mehr beschnitten.

Das erklärt Diengui Djiguiba, der breitbeinig inmitten der Dorfbewohner sitzt, auf einer Holzbank in dem wellblechbedeckten Unterstand. Djiguiba trägt eine Hose, so weiß, wie man es im Dorf nicht noch einmal findet. Zu viel Sand, zu viel Staub, durch den Hühner laufen, der sich wie eine Gazedecke auf das ganze Dorf legt und die grelle Sonne milchig macht.

Djiguiba ist ein Animateur, einer der drei Männer, die für die Organisation Gaas-Mali, ebenfalls ein Partner des DED, in die Dörfer gehen, um mit den Männern dort über die Schädlichkeit der Beschneidung zu sprechen. Die Kolleginnen nennt man Animatricen. Sie sprechen mit den Frauen des Dorfes. Es arbeiten meist ein Animateur und eine Animatrice zusammen.

Bei dem ersten Besuch so eines Teams im Jahr 2000 in Kano Sendè zerfiel das Dorf gleich in zwei Hälften, erzählen die Alten. Die einen haben gezögert, die anderen sofort zustimmend reagiert. Auch, wenn sie zunächst entsetzte und beschämte, was man ihnen zeigte und erzählte. Diese vielen Details über Sexualität. „Es ist uns aber klar geworden, wie wenig wir über uns wissen“, sagt Yadomo Ouologuien, die Präsidentin des Komitees, die ihr Alter nur schätzen kann. Sie spricht fast regungslos. Den schmalen Kopf hält sie gesenkt, die gelb unterlaufenen Augen blicken auf den bunten Wickelrock, wo ihre muskulösen Arme liegen. Nur die Finger bewegen sich unruhig. Die anderen Frauen, die dazugekommen sind, nicken beifällig zu dieser ehrlichen Selbstkritik.

Was diese Malierinnen, die kaum zur Schule gegangen sind und die meisten Stunden des Tages mit krummen Rücken auf Äckern arbeiten, die nichts hergeben wollen, in kurzer Zeit als schlecht erkannt und verbannt haben, ist fester Bestandteil ihres traditionsbewussten Landes.

Die aktuellsten Zahlen zur Verbreitung der Beschneidung in Mali sind von 2001. Für neue Umfragen fehlt Geld. 2001 waren 91,6 Prozent der 15- bis 49-jährigen Frauen beschnitten. Die Daten jüngerer Mädchen wurden nicht erfasst, dabei wird die Beschneidung in 80 Prozent der Fälle schon in den ersten fünf Lebensjahren vorgenommen.

– Wenn Sie heute gegen die Beschneidung sind, Madame Ouologuien, wie bewerten Sie im Nachhinein, was man Ihnen antat, als Sie klein waren?

Da schweigt sie. Und auch die anderen gucken auf den Boden.

Über Intimitäten oder Sex zu sprechen, sei in Mali nahezu vollkommen unmöglich, sagt Djiguiba, der Animateur. Nicht mal innerhalb von Familien sei das üblich. Die Kinder würden kaum aufgeklärt, die Erwachsenen flüchten sich in Andeutungen. Das mache auch die Arbeit gegen Aids oder die Beschneidung so schwer. Djiguiba nimmt manchmal Videogeräte mit in die Dörfer. Wenn es in den Filmen deutlich wird, gehen die Menschen weg. In dem ersten Dorf, in dem er als Animateur angefangen hat – das war vor inzwischen zehn Jahren, Djiguiba ist einer der ersten Animateure – hat er den Kinder Bonbons geschenkt, damit sie bleiben und die Alten anlocken.

Oft würde es auch heißen: Ihr seid von den Weißen gekauft, die unsere Kultur kaputt machen wollen. Auch von Aids würden viele Leute glauben, es sei ein Anschlag der Weißen auf Afrika. Aber dass Aids etwas Gefährliches ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Und so gelangen die Aktivisten meist über Aids-Aufklärung in die Dörfer. Aids, allgemeine Gesundheitsinformationen, dann erst Beschneidung. So rüttelt die für Afrika wohl schlimmste Seuche ein bisschen mit an einem großen Unrecht. Die Aufklärer halten – auch vor den Männern – Vorträge über die Folgen, die fast alle Frauen selbst erlebt haben: Entzündete Narben, Inkontinenz, Schmerzen beim Sex, Gefahren bei Geburten. Es sei wichtig, die Männer mit einzubeziehen, sagt Djiguiba, um den Wandel voranzutreiben. Denn oft heißt es, für unbeschnittene Mädchen fände sich kein Ehemann.

Es gibt in der Aufklärungsarbeit eine Faustregel, die besagt, dass erst drei Jahre nach dem ersten Besuch der Animateure und Animatricen Ergebnisse sichtbar werden. In der Region Mopti bearbeiten die fünf Animateure und Helfer, die sie meist unter den Lehrern suchen, 57 Dörfer. Sie haben dort Häuser, in denen sie für einen Monat leben. Nur so kämen sie an die Menschen ran, sagt Djiguiba.

Sie unterteilen die Dörfer in fünf Kategorien: Von „Ja zur Beschneidung“ über „Umdenken beginnt“ bis zu „100 Prozent sind dagegen“. Für jede Kategorie hat Gaas-Mali Kommunikationspläne entwickelt. Um den Animateuren zu vermitteln, in welcher Reihenfolge man Dorfrat, religiöse Führer, Lehrer und Eltern anspricht. Wie man die Kampagne im Dorf verankert.

In Kano Sendè haben sie damals das Komitee gegründet. Aus jeder Familie des Dorfes wurden ein Mann und eine Frau dort hineingewählt. Es war das erste Mal, dass die Frauen bei irgendetwas offiziell mitentscheiden durften.

Es hat auch in Kano Sendè drei Jahre gedauert, bis es zur Entscheidung kam. Bis 2003. Dann wurde im Dorf nach langer Zeit wieder ein Mädchen geboren. Und die Frage stand an, was geschehen solle. Das Dorf stimmte gegen die Beschneidung. Eine Tradition, von der keiner weiß, woher sie stammt – oft sind es Imame, die nicht lesen können, die behaupten, der Koran schreibe sie vor – wurde beendet.

Yadomo Ouologuien und die Frauen, die neben ihr sitzen, gucken nun hoch und werden lebendig. Eine Bürde hat man von uns genommen, sagen sie. Eine untragbare Last.

Im Dorf wurde ein großes Fest gefeiert. Ein Fest der Freude und der Erleichterung. Sie hatten ein schlimmes Ungeheuer vertrieben. Das Leben sei nun etwas leichter, sagen die Frauen. Die gemeinsame Arbeit im Komitee habe auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern verändert. „Wir sind uns ein bisschen nähergekommen“, sagen sie.

Wenn heute in Kano Sendè einer seine Tochter beschneiden ließe, müsste er eine hohe Geldstrafe zahlen oder würde des Dorfes verwiesen. Die wahrscheinlich schlimmste Strafe, die man sich vorstellen kann. Es ist auch nichts dergleichen vorgefallen. Im Gegenteil: Die Frauen von Kano Sendè ziehen in andere Dörfer und erzählen von ihrem Glück.
Djiguiba, der Animateur, hat auch Töchter, von denen keine beschnitten ist. Er sagt, weil er aus der Stadt käme, sei es für ihn ohnehin einfacher. Dort sei man moderner. Es habe in seiner Familie auch niemand etwas gegen seine Arbeit.

In der Rue 414 in Bamako sagen die Männer ebenfalls, dass ihre Töchter nicht beschnitten sind. Bei ihren Frauen und Schwestern werden sie einsilbiger. AMPDR-Chef Ouattara erzählt, dass er mal bei einer Beschneiderin zur Untermiete gelebt habe. Da habe er mitbekommen, dass die abgetrennte Klitoris für Voodoo-Zeremonien verkauft würden. Er habe eine Bestellung gesehen.
Viele Eltern hätten es schwer, sagt Ouattara, sich gegen die Großeltern durchzusetzen, die ihre Enkelinnen nicht selten entführten, um sie auch gegen den Elternwillen zu beschneiden. Die Exzision sei nötig zur Zähmung der weiblichen Lust, würden die Alten glauben. Und dass nur beschnittene Frauen treu seien. „So ein Quatsch“, sagt Ouattara. Er verweise dann auf die europäischen Frauen, die nicht beschnitten, aber treu seien. Er persönlich habe außerdem festgestellt, dass Sex mehr Spaß mache, wenn die Frau auch etwas spürt. Ouattara grinst. So etwas könne man in den Dörfern natürlich nicht sagen.

Am Abend ist Gritt Richter zurück von der Frau mit den zwei nicht beschnittenen Töchtern: zurück von Astou Traoré. Astou Traoré war die vierte Frau ihres Mannes, das ist in Mali erlaubt. Drei Töchter gebar sie, von denen zwei bei den Beschneidungen fast verblutet sind. Es war eine große Exzisionsfeierlichkeit, bei der auch die kleinen Töchter der anderen drei Ehefrauen beschnitten wurden. Die Beschneiderin habe mit einer Rasierklinge gearbeitet, die besser schneidet als die traditionellen Messer. Dann blieben die Mädchen tagelang in stramme Verbände gewickelt, in denen sie sich nicht bewegen konnten, bis die Wunden verheilten. Aber bei den Mädchen von Astou Traoré hörten die Blutungen nicht auf. Das war der Grund, weshalb sie beschloss, die Tradition, der sie selbst im Alter von sieben Jahren unterzogen wurde, aufzugeben.

„Du tötest meine Töchter“, sagte sie zu dem Mann, als der auch die nächsten zwei Mädchen an die Klinge liefern wollte. Und als er nicht nachgab, verließ sie ihn.

Die älteren Töchter, die heute zwischen 15 und 25 Jahre alt sind, blieben bei dem Mann. Die kleinen nahm sie mit. Jetzt schlägt sie sich als Hilfskrankenschwester durch. Und geht von einer Anti-Beschneidungsgruppe zur nächsten, weil sie hofft, dass man ihr ein bisschen Geld gibt, wenn sie bei öffentlichen Veranstaltungen aus ihrem Leben erzählt.

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