AFRIKA MIT ANDEREN AUGEN SEHEN

AFRIKA MIT ANDEREN AUGEN SEHEN

In Timbuktu wird ein schwarzes Kulturerbe neu entdeckt

(So lautete der Titel des Artikels von Charlotte WiedemannDIE WÜSTE LIEST„, als er am 22.12.2009 zum ersten Mal in der ZEIT erschien.)

Das Abendlicht steckt rosa Federn an den Himmel. Eine Ziegenherde wirbelt Staub auf, und als er sich senkt, fällt sandfarbene Dämmerung über eine sandfarbene Stadt. Vor dem Lehmbau der Sankoré-Moschee liegen Männer plaudernd im Sand, er verschluckt ihre Stimmen, murmelnd versinkt Timbuktu in früher Nacht.

Wir sind mit dem Flugzeug gekommen; ein Stilbruch. Timbuktu, im Osten Malis, am Südrand der Sahara, war für Europäer seit je eine Metapher für Ferne, für Unerreichbarkeit. Nun beginnen nicht weit von hier die Pfade in eine andere Unerreichbarkeit, die Pfade der Migration nach Europa, durch die tödliche Weite der Wüste. Es spielt eine Rolle, aus welcher Richtung man auf die Welt blickt und sich seine Mythen macht; davon also erzählt Timbuktu.

Von wegen Ende der Welt. Jahrhundertelang war Timbuktu ein Zentrum der südlichen Welt, Hochburg des Handels, islamische Universitätsstadt. Wo sich das Niger-Delta und die Wüste begegneten, kreuzten sich die Wege der Zeit: Aus dem Norden kamen die Karawanen, über den Fluss kam das Gold Westafrikas. Den Händlern folgten die Gelehrten; Timbuktu war ein kosmopolitischer Ort. Unsere abendlich murmelnden Männer lagern genau dort, wo sich im 15. Jahrhundert das Quartier Latin Westafrikas befand, besser gesagt: ein Quartier Arabe, mit 25.000 Studenten. Annähernd so viele, wie Timbuktu heute Einwohner zählt.
Timbuktu: Alte schrift_wdr3
Täuschend die sandfarbene Stille, der Eindruck von Selbstvergessenheit. Mit gleichmütigem Stolz registrieren die Bewohner von Timbuktu, welcher Rummel neuerdings um etwas entstanden ist, was sie immer schon besaßen: die älteste Bibliothek südlich der Sahara. Bis zurück ins 13. Jahrhundert reichen die arabischen Handschriften, deretwegen nun Staatspräsidenten, Forscher, Abgesandte großer Stiftungen ungelenk durch Timbuktus Sand stapfen. Mehr als 100.000 Manuskripte über islamisches Recht, Philosophie, Medizin, Astronomie, Mathematik. Auf Pergament, angenagt von Termiten; sogar auf Gazellenhaut.

So viel Gelehrtheit passt nicht ins gängige Afrika-Bild. Und darum steht nun gegenüber der Sankoré-Moschee, von einem einzigen kostbaren Scheinwerfer wie hineingezaubert in die karge historische Kulisse, ein schickes neues Forschungszentrum. Elegant, klimagekühlt, die Architektur spielend mit Lehm und Moderne. Ein Geschenk Südafrikas, ein Geschenk des reichen Afrika an das arme – damit der Kontinent mit Selbstbewusstsein auf seine Geschichte blicke.

Timbuktu als ein Ort der afrikanischen Renaissance, der Besinnung des Kontinents auf seine Kultur und seine Stärken: Das war eine Idee von Thabo Mbeki, Südafrikas vormaligem Präsidenten. Auf Staatsbesuch in Timbuktu sah er das Ahmed-Baba-Institut, wo 30.000 Manuskripte unter staatlicher Aufsicht verwahrt werden. Das Institut trägt den Namen von Timbuktus berühmtestem Philosophen, doch wie ärmlich war hier alles, wie ungenügend für die Restaurierung des wertvollen Erbes! Mbeki versprach Hilfe; es gelte, „Afrika aufzuwerten nicht nur in den Augen der Welt, sondern auch der Afrikaner selbst“. Wieder in Südafrika, mobilisierte er privates Kapital; nach wenigen Wochen bereits landeten die ersten Experten vom Kap in Mali. Die Malier waren über so viel Effizienz ganz verwirrt.

Mbeki hat sein Amt längst verloren, in Südafrika wurden zwischenzeitlich ganze Fußballstadien gebaut, und in Mali, wo alles langsamer geht, ist nun endlich das neue Ahmed-Baba-Institut zum Einzug bereit. Schön und fremd steht es im Zentrum Timbuktus, genau dort, wo der Philosoph Ahmed Baba einst wohnte; die Südafrikaner bestanden auf diesem Platz, die Malier mussten eine Gendarmerie beiseiteräumen. Nun fürchten sie, das Geschenk fresse mehr Strom als ganz Timbuktu. Eine afrikanisch-afrikanische Partnerschaft, zwei Welten.

Afrika als geschichtsloser Kontinent – dieses Bild korrigierte bereits der deutsche Forscher Heinrich Barth, nachdem er in Timbuktu 1853/54 afrikanische Chroniken studieren konnte. Trotzdem war in Europa noch hundert Jahre später wenig bekannt über Afrikas Schrifterbe. Wertvolle Manuskripte, von Frankreich während seiner Kolonialherrschaft in Mali geraubt, lagen unbeachtet in der Pariser Nationalbibliothek. Der britische Afrikanist John Hunwick begann mit seinen Manuskriptforschungen 1965 – ohne zu ahnen, welche Menge an Schriftstücken auftauchen würde.

timbuktu-moscheeDie meisten sind in Privatbesitz; die Familien in Timbuktu öffnen nun allmählich die alten Truhen, in denen sie über Generationen vergilbte und vergoldete Kalligrafien verwahrten und versteckten. Der Medienhype machte daraus einen neuen Mythos: Timbuktu werde sein letztes Geheimnis entrissen, „Wüstenrollen“, auf denen die verborgene Geschichte des Kontinents verzeichnet sei. Tatsächlich sind die Bibliotheken vor allem der Beweis, „dass Afrika seit nahezu tausend Jahren am islamischen Wissen teilhat“, meint der deutsche Islamwissenschaftler Albrecht Hofheinz; er betreut an der Universität Oslo ein Projekt zur Digitalisierung der Handschriften. Manche kamen aus Andalusien, Nordafrika und dem Nahen Osten, andere wurden in Timbuktu von afrikanischen Autoren verfasst. Auch afrikanische Sprachen wurden in arabischer Schrift geschrieben, für diplomatische Korrespondenz und Verträge.

Das Arabische hatte in Teilen Afrikas eine ähnliche Rolle wie das Lateinische im europäischen Mittelalter, war über Jahrhunderte eine Schriftsprache von Eliten. Bis die Franzosen kamen. Das Aufzwingen der französischen Sprache sei für die gelehrte Tradition der Region „vernichtend“ gewesen, notierte John Hunwick. Junge Afrikaner von heute wissen oft nicht, dass es überhaupt eine vorkoloniale Lese- und Schreibtradition gab. In Südafrika ließ das Erziehungsministerium Schulbücher und Curricula überprüfen – der Befund: Afrikas Platz in der Weltgeschichte werde aus einer „überwältigend eurozentrischen“ Sicht vermittelt. Für Shamil Jeepie, Historiker an der Universität Kapstadt, ist Timbuktu genau der richtige Ort, um „das europäische koloniale Projekt“ der Geschichtsverweigerung endlich zu entmachten. Seine Hochschule hilft bei Auswertung und Erhalt des Schriftguts.

Selbst viele Malier kennen ihr Kulturerbe nicht. Ein Lehmgehöft, fern von Timbuktu: Die Bauern blicken einander verlegen an, wenn man sie nach den Manuskripten fragt. Eilends wird ein Junge geholt, der die meisten Schuljahre auf sich vereint; er schaut betreten zu Boden.

Es ist leicht, ein armes Land erdrückend zu umarmen. Gadhafi hat Timbuktu zu seinem Zuhause erklärt und wirft mit Geschenken. Eine Riesenbaustelle am Stadtrand: noch ein Zentrum für Manuskripte. Niemand braucht es, aber das „Gadhafi-Zentrum“ muss prächtiger werden als das der Südafrikaner. Konkurrenz um Einfluss auf dem Kontinent, ausgetragen auf kleiner Bühne aus Sand und Pergament.

Zum Ende des Ramadan fuhren Libyer nachts mit Lastwagen durch Timbuktu und warfen den Bewohnern Essenspakete vor die Tür. „Die Libyer haben keine Manieren“, sagten leise die Beschenkten. Dann Gadhafis Auftritt, als der Geburtstag des Propheten gefeiert wurde: Er sollte mit Malis Präsident ein Méchoui verspeisen, das traditionelle Festmahl in der Wüste. Ein Huhn wurde mit einem Ei gestopft, dann der Hammel mit dem Huhn – bloß Gadhafi kam nicht. Er ließ den Gastgeber sitzen, samt Hammel, Huhn und Ei, und brauste nach Timbuktu, um allein in der Menge zu baden.

Über all dem Rummel ist bei den Besitzern der Manuskripte ein störrisches neues Selbstbewusstsein gewachsen. Niemand verkörpert es so gut wie Abdelkader Haidara, der von seinem Vater eine Bibliothek mit 9000 Handschriften erbte und dieses Erbe mit profunder Bildung und großer Liebe zur Sache pflegt. Früher hat der charmante, rundliche Haidara viele Familien überzeugt, ihre Manuskripte dem Staat zu überlassen; heute propagiert der 45-Jährige das Gegenteil: „Bewahrt euer intellektuelles Gut selbst!“ Als Erster richtete er eine öffentlich zugängliche Familienbibliothek ein; nun zählt Timbuktu bereits 32 private Bibliotheken.

Als Haidara vor anderthalb Jahrzehnten im Ausland erstmals finanzielle Unterstützung suchte, mochte ihm niemand die Geschichte einer altafrikanischen Bibliothek glauben. Die Wende kam in Gestalt eines schwarzen Amerikaners: Henry Louis Gates, Leiter der African American Studies in Harvard, sah die Manuskripte, war elektrisiert und warb die Ford Foundation als Partner. Haidara kichert: „Seltsam, nicht wahr?, dass dieser selbe Gates dann auf ganz andere Weise weltberühmt wurde.“ An seiner eigenen Wohnungstür als vermeintlicher Einbrecher verhaftet, durfte er mit Obama ein antirassistisches Bier trinken.

Haidara will bald eine CD herausbringen, mit exemplarischen Übersetzungen aus seinen alten Schriften: „Über Konfliktlösung und Good Governance. Die Westler kommen ja immer her und glauben, sie hätten das alles erfunden.“

Timbuktu erzählt von Beziehungen, von Perspektiven. So war es früher, als die Globalisierung noch auf Kamelrücken reiste. So ist es heute, wo sich Facebook-Mitglieder gern den Tarnnamen „Tim Buktu“ geben, ohne zu ahnen, dass dort Weblog und Facebook längst angekommen sind. Und immer geht es um die Blickwinkel in einer Dreiecksbeziehung: Afrika, der Westen, der Islam – wie sehen wir einander?

Timbuktu war seit der Gründung im frühen 12. Jahrhundert muslimisch. Als Gelehrtenzentrum verkörperte die Stadt später die Islamisierung Afrikas – und die Afrikanisierung des Islams. Jeder zweite Afrikaner ist heute Muslim; das wird oft übersehen. In Malis Nationalmuseum steht dazu der bemerkenswerte Satz: Mit der Entstehung einer einheimischen Klasse muslimischer Gelehrter „hörte der Islam auf, eine Religion fremder Weißer zu sein, und wurde eine afrikanische Religion“.

Die Araber als „fremde Weiße“ – das bezieht sich nicht nur auf die Ankunft des Islams. Unvergessen in Timbuktu, wie die Marokkaner einst die Stadt eroberten, die Bibliotheken plünderten, die angesehensten Gelehrten nach Fès verschleppten. Ahmed Baba, der Philosoph, in Ketten! Marokko ist dies heute peinlich; aber geraubte Manuskripte bekommt Timbuktu nicht zurück.

„Es gab auch eine Kolonialisierung durch die Araber“, sagt Mohamed Dicko, Direktor des Ahmed-Baba-Instituts. „Eine geistige, kulturelle Kolonialisierung, die bis heute fortwirkt, nach dem Motto: Alles, was gut ist im Islam, kommt von den Arabern. Es ist wie in der französischen Kolonialzeit, als man Schüler nur mit französischen Schriftstellern bekannt machte.“ Demnächst kämen erstmals arabische Texte einheimischer Autoren in Malis Schulbücher, sagt der Literaturwissenschaftler. Sein Institut erhält auch von Saudi-Arabien Geld, aber Dicko redet das klein, ihm sind die südafrikanischen Partner lieber. Erstaunlicherweise spricht der Manuskriptehüter kein Arabisch. Darum wird getuschelt: Die Besetzung sei politisch motiviert gewesen.

Das arabischsprachige Erbe stärken, ohne mehr arabischen Einfluss auf die Religion zuzulassen – kann das gehen? Saudische Wahhabiten versuchen seit Langem, in Mali einen „gereinigten“, entafrikanisierten Islam durchzusetzen. In Timbuktu verzeichnen sie bisher keine Erfolge; selbst die Religionsschüler tragen hier weiterhin Fetische.

timbuktu__ monument flamme de la paixWenn man Abdramane Ben Essayouti, Timbuktus wichtigsten Imam, auf die Wahhabiten anspricht, rückt er sein leuchtend blaues Gewand, den Bubu, zurecht und erzählt eine berühmte Anekdote: Als im Jahr 1324 der malische König Kankou Mussa nach Mekka pilgerte, war seine Karawane mit so viel Gold beladen, dass unterwegs in Kairo der Goldkurs in den Keller stürzte. „Saudi-Arabien“, sagt der Imam und lächelt fein, „war damals ein Sandloch.“ Als der König zurückkehrte, brachte er einen Architekten mit, der Timbuktus Weltkulturerbe der Zukunft zu bauen begann. Die Djingareyber-Moschee steht noch 700 Jahre später, Ben Essayouti ist ihr Imam: „Gegen die Stärke unserer Tradition kommen die Wahhabiten nicht an.“

Ben Essayouti hat 8000 alte Handschriften und ein Internetcafé. Das 14. Jahrhundert in Vitrinen, das 21. im Untergeschoss – für den Mann im blauen Bubu keine Entfernung. „Ich hatte als Erster eine E-Mail-Adresse“: Imamtombouctou. Seine Kinder nahm er von der staatlichen, also französischsprachigen Schule und schickte sie auf ein arabisch-französisches Lyzeum, eine Tagesreise entfernt. Damit sie später kundig das Erbe der Familie antreten können. Neulich hat ihm ein europäischer Tourist eine stattliche Summe für eine Handschrift mit astronomischen Berechnungen geboten. Der Imam lächelt fein. Natürlich verkauft er nicht.

© 2010 DIE ZEIT

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