Afrikas Fußball hat Zukunft! Ein Bericht über ein Spiel in Bamako

Fußball ist so schön! Foto © Gero Breloer/photothek.net

Herbert Querfurt hat ein Spiel in Bamako miterlebt und war begeistert:

Es ist Sonntag Nachmittag in Bamako, Ruhe liegt über der Stadt nachdem gestern eine Hochzeitsgesellschaft das ganze Viertel beschallt hat. Aber da geht es schon wieder los, laut hallt der Lautsprecher, aber es ist keine Musik, da redet wer – so ganz aufgeregt wie nur ein Reporter reden kann. Es schallt bis zu meinem Sitzplatz im eingemauerten Garten, der mich so sehr von der Welt trennt, dass ich aufs Dach steigen oder die Türe öffnen muss, um mitzubekommen, was sich auf der Strasse abspielt.
„Was ist da wohl los? – Komm wir gehen mal nachsehen!“ Zwei Querstrassen weiter öffnet sich die Strasse zu einem großen Platz, in den münden noch weitere Strassen. Da alles rechteckig angelegt ist, passt das gut. Diesen Platz hatte ich schon zweimal gesehen – öde, leer, staubig, kein Grün. Umgeben von den typischen ein bis zweistöckigen Häusern mit Flachdach. An beiden Enden stehen Stahlrohrtore – leicht angerostet, aber sie verführen immer ein paar Kinder ein paar Probeschüsse abzugeben.
Aber an diesem Sonntag ist nur der rote Staub derselbe wie immer und auch der nicht, wirbelt er doch in großen Mengen durch die Luft. Der Platz ist umringt von Menschen in 3 oder 4er Reihen, aus jedem Fenster gucken Menschen und selbst die Dächer stehen rundum voll. Nur die Mitte des Platzes ist frei – dort ist mit schwarzer Kohlenasche auf rotem Grund ein Fußballfeld markiert. Und es wird gespielt.
Fußball! Links an der Mittellinie stehen zwei überdimensionale Lautsprecherboxen und aus denen dröhnt der Kommentar, Spielernamen und der Spielverlauf. Der Reporter braucht keine Luft zum
Atmen, er spricht ununterbrochen – medizinisch nicht unbedenklich, aber vielleicht hat er eine mir unbekannte Atemtechnik .
Die Tore haben Netze bekommen, festgebunden am Stahlrohr, am Boden mit großen Steinen beschwert, so dass kein Ball wirklich durch kann.
Auf dem Platz 22 Akteure – die einen in rot , die anderen in blau-gelben Trikots.
Die blaue Mannschaft heißt „arc de ciel“ (Regenbogen) , die roten haben ihre Namen auf dem
Trikot. Einige tragen Turnschuh, andere Plastikschlappen , richtige Fußballschuhe hat keiner. Als der linke Verteidiger der blauen in seinen Plastikschlappen einen Ball voll volley mit dem Spann nimmt,sagt der keinen Mucks, aber mir tat das weh.
Der Platz ist alles andere als eben, er hat Täler und Hügel, auch ein leichtes Gefälle nach links. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer um das Spielfeld, in der 3. oder 4. Reihe die Verkäufer, so dass keiner hungern oder dursten muss. Die Zuschauer sind junge und alte, Männer aber auch viele Frauen und Kinder sowieso – das ganze Viertel muss versammelt sein. Die Kulisse mit den Menschen auf dem Dach und in den Fenstern schafft Stadionatmosphäre, aber die einzig korrekte Bezeichnung für das, was ich hier sehe ist „Wohnstadion“ – so etwas gibt es bei uns nicht, überflüssig zu erwähnen, dass auch keiner Eintritt kassiert.
Es steht 2 zu 1 für die blau-gelbe Heimmannschaft. An der linken Ecke öffnet sich die Zuschauerkette, um ein Auto durchzulassen, denn natürlich ist das hier auch Strasse. Das fährt in Gemütsruhe über den Platz, um ihn am anderen Ende wieder zu verlassen. Das Spiel war gerade auf der anderen Seite des Felds. Das wiederholt sich während des Spiels noch mehrmals.
Aber es folgt ein Angriff der blau-gelben, der rote Torwart pennt, es steht 3 : 1. Mindestens die Hälfte der Zuschauer stürmt das Spielfeld und jubelt, drückt seine Helden, jetzt ist es richtig laut, der Lautsprecher überschlägt sich. Das dauert 5 Minuten bis durch einen Wink des Schiedsrichters das Spielfeld wieder geräumt ist, und auch alle ganz freiwillig und diszipliniert gehen. Als der Anstoß schon erfolgt ist, fegen die letzten Kinder vom Platz. Es folgt eine angespannte Stille, die Spieler selbst sind während des ganzen Spiels ganz ruhig – kein Schreien, kein Schimpfen, kein Fluchen, keine Schwalben, auch keine Beschwerden, wenn einer mal hart genommen wurde. Ein faires Spiel, ohne dass der Schiedsrichter gelbe oder rote Karten verteilen muss.
Aber jetzt unterbricht er das Spiel und läuft zum linken Tor. Das Netz hatte sich oben im Winkel gelöst. Also bindet er es wieder fest und weiter geht´s.
Und die roten kommen – Steilpass in die Tiefe bis zur Grundlinie, dort wo sie die Torraumlinie schneidet – Rückpass zum Elfmeterpunkt, ein Flachschuss in die untere rechte Ecke und es steht nur noch 3 zu 2. Klassisch gut gespielt.
Und wieder wird das Spielfeld von den Fans gestürmt, eine Menge roter Staub wirbelt auf. Die Lieblinge werden gedrückt, und wieder Verschwinden auf ein Handzeichen des Schiedsrichters die Fans an den Spielfeldrand.
Die Stimmung steigt – es gibt keinen Alkohol, ich bin in einem islamischen Land.
Das ist reine Sportbegeisterung. Das Tor sieht man nicht immer ganz klar, da jeder Zweikampf unendlich viel von diesem feinen roten afrikanischen Pulver aufwirbelt, das sie dort Boden nennen.
Erneut liegen die roten im Angriff. Der Linksaußen setzt sich durch, sein Rückpass zum 16m-Raum wird mit einem strammen Schuss gekrönt, der das 3 zu 3 bedeutet.
Das Spiel ist gekippt. Der Jubel der roten Fans ist unbeschreiblich. Die blau-gelben Fans sind ruhig.
Prügeln tut sich hier keiner oder den Gegner beschimpfen.
Der Anstoß wird noch ausgeführt, da kommt auch schon der Schlusspfiff.
Wir wenden uns schon zum Gehen, aber die Zuschauer rufen uns zu „Penalty, Penalty.“ Jetzt gibt es ein Elfmeterschießen, und ich erlebe den lebendigen Zuschauerraum. Stühle und Bänke werden unter den Arm geklemmt und alles versammelt sich in einer Hälfte, so dass gerade das Tor und der 16er noch frei bleiben. Offensichtlich wird nur auf ein Tor geschossen. Die Mannschaften werden links und rechts in je zwei Gruppen postiert, die Schützen und die, die keine Verantwortung haben. Langsam wird es dämmrig. Der Schiedsrichter schickt die Zuschauer zurück bis zur Mittellinie, was diese aber wohl schon erwartet hatten.
Wir haben uns durchgekämpft und einen Platz auf dem kleinen Hügel direkt hinter dem Tor ergattert. Top-Sicht!
Erster Elfer blau-gelb: flach in die untere linke Ecke, aber der Torwart hat es gerochen und kann mit den Fingerspitzen den Ball um den Pfosten lenken. Der erste rote Elfmeterschütze kommt, läuft an – ein Kraftpaket. Da möchte ich nicht Torart sein, und hoffentlich hält das Netz! Der Torwart fliegt in die falsche Ecke, aber der Ball donnert an die Latte- das Stahlrohrtor bebt.
Am Ende steht es 7 zu 7 und es wird dunkel.
Der Reporter am Mikro erlebt seinen persönlichen Höhepunkt, soweit ich seine Sprache deuten kann, die Zuschauer rücken näher, aber der energische Schiedsrichter weist sie zurück.
Acht zu acht und noch immer keine Entscheidung. Da macht „arc de ciel“ seinem Namen Ehre und drischt den nächsten Elfer in die Wolken, der rote Schütze geht ganz ruhig zu Werk: Der Schuss sitzt platziert, fest und nicht haltbar, 9 zu 8 für die Auswärtsmannschaft. Das Spiel ist aus, aus, aus..
Was jetzt folgt ist afrikanischer Jubel. In einer Traube von Menschen sind keine Spieler mehr zu erkennen. Mopeds fahren auf den Platz, geben Vollgas, während die Besitzer absteigen und das Gefährt nur am Lenker festhalten. Dadurch dreht sich das Hinterrad in Kreis um das Vorderrad , das wirbelt jede Menge Staub auf. Und da das mindestens 10 Leute so machen, verschwindet alles unter einer Staubglocke.
Wir gehen nach Hause, neben uns der Schneidergeselle mit seiner Nähmaschine auf der Schulter, die Händler packen ein und der Lautsprecher schweigt.
Ich bin begeistert, das war Fußball vom Feinsten, sportlich, fair, spannend, wenig taktisch, aber mit Leidenschaft, und das alles mit Disziplin und Respekt vor Gegner und Schiedsrichter. Die Freude am Spiel trieb Spieler und Zuschauer, das Wohnstadion bebte – ich war mitten im neuen afrikanischen Leben.
Afrikas Fußball hat eine große Zukunft.

Bamako 5.1.08

Danke, Herbert, für diese mitreißende Schilderung!

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