Die Pressefreiheit in Gefahr und das andere Mali – ein Essay

Charlotte Wiedemann ist eine freiberufliche deutsche Autorin, die Reportagen aus dem Ausland, aber auch Bücher verfasst.
Sie wurde 1954 geboren und arbeitet seit 25 Jahren als Journalistin. Sie erhielt u.a. den Medienpreis Entwicklungspolitik 2008 – den Hauptpreis in der Kategorie Print.
In diesem Essay berichtet sie von einem Ereignis in Mali 2007, als fünf Journalisten inhaftiert wurden, weil sie ihre Arbeit ordentlich gemacht hatten.
Und sie erzählt überzeugend das andere Mali: es existiert in den Dörfern, fern der Hauptstadt mit dem Bamako-Blues.

Die Demokratie der Armen

DIE ZEIT  – 11.10.2007
VON Charlotte Wiedemann

LE MEME ARTICLE EN FRANÇAIStriMali zählt zu den ärmsten Ländern der Welt – und ist dennoch ein Vorbild für Afrika.
Dörflicher Bürgersinn bricht Clan-Wirtschaft und Korruption

Nun steht man also vor dieser Eisenklappe, das war nicht vorgesehen. Die Eisenklappe öffnet sich und schließt sich, sie gehört zu einer eisernen Tür. Hinter ihr liegt das zentrale Arresthaus, und dort sitzen fünf verhaftete Journalisten – die Herausgeber malischer Zeitungen. Das war nicht vorgesehen, nicht in dieser Geschichte, die von der Demokratie in Mali handeln soll, einer der wenigen Demokratien in Afrika.

Jedes Mal, wenn sich die Eisenklappe öffnet, drängt eine Schar Frauen gegen die Luke. Sie versuchen ihre Schüsseln hindurchzuschieben, Schüsseln aus Plastik und Blech, sorgsam abgedeckt mit Tüchern. Das Essen für die Angehörigen da drinnen; dort scheint es nichts zu geben, Mali ist ein armes Land. Welch ein Kontrast zwischen der Banalität dieser eisernen Gefängnisklappe und dem hohen pathetischen Ton, den Malis Zeitungen anschlugen, bevor sie in wütendem Protest verstummten. Es sind dünne Blättchen, französischsprachig, für die Elite der Gebildeten in einem Land, in dem nur jeder Vierte lesen kann. Sämtlich sind sie nun in Streik getreten, eine Phalanx empörter Schlagzeilen zurücklassend gegen den »Dolchstoß« in den Rücken der Freiheit.

Was ist geschehen?

Pathos und Bitterkeit der Zeitungen haben einen Adressaten, der Vorwurf des Verrats richtet sich gegen jenen Mann, der doch als Held der malischen Demokratie gilt: Staatspräsident Amadou Toumani Touré, gewöhnlich ATT genannt. Weil sie ihn beleidigt haben sollen, sitzen die fünf Journalisten nun ein.

Bamako-Blues. Vor 16 Jahren war ATT der Geburtshelfer des neuen Mali: der gute Putschist, der Offizier an der Spitze der Präsidentengarde, der auf die Seite des demokratischen Aufstands wechselte, das Land erlöste vom Diktator – und es einer zivilen Regierung überließ. Ganz Afrika staunte.

Die Malier nennen ihn »den Mann des 26. März«. An diesem Tag ließ die alte Regierung eine Demonstration zusammenschießen, Schüler verbluteten auf der Straße, und ATT riss das Ruder herum. Das neue Mali, so hat es also begonnen. ATT, der Held in Uniform, zog sich aus der Politik zurück, kam erst zwei Amtsperioden später wieder, als gewählter Präsident. Die Zeitungen, auch sie sind Zweige vom selben Baum, Sprösslinge des Neubeginns, Kinder der Demokratie. Und nun sitzen Journalisten hinter der eisernen Klappe.

Der Anlass wirkt bizarr und heillos unnötig. Ein Lehrer hat seinen Gymnasiasten als Aufsatzthema eine selbst verfasste Parabel gegeben. Darin wird eine junge Gelegenheitsprostituierte von einem Staatspräsidenten geschwängert. Sie macht einen Skandal, bringt ihn schließlich dazu, sie zu heiraten. Zweifellos brach die Story einige Tabus – aber sie nannte keinen Namen, kein Land. Ohne Not sah die Justiz den malischen Präsidenten beleidigt, willkürlich belangte sie Journalisten, die über den Fall berichteten.

Binnen Tagen wurden sie verurteilt, zu Gefängnis auf Bewährung – eine Bagatelle im Vergleich mit dem, was Journalisten in anderen Ländern Afrikas zustoßen kann. Aber dies ist Mali, Mali spielt in einer anderen Liga. »Rutscht das Land in Richtung Diktatur?«, fragt alarmiert eine Menschenrechtsvereinigung.

In Bamako, der Hauptstadt, steht in diesen Tagen die Luft wie ein heißer, abgasblauer Block. Alle warten auf den Regen, er will nicht kommen, und sogar die politischen Turbulenzen vermehren den Stillstand. Streik! Dem Streik der Journalisten folgt ein allgemeiner Generalstreik: weil das Leben zu teuer ist. Am Ende dieser bleiernen Woche fällt das Land erschöpft in eine Parlamentswahl; das Geld dafür kommt aus Japan.

Mali hat alles, was eine Demokratie in formaler Hinsicht ausmacht: Wahlen, Parteien, ein Parlament. Auch deshalb – und nicht nur, weil Mali arm ist – fließt viel Entwicklungshilfe. Die meisten der 14 Millionen Malier fühlen sich in dieser Demokratie allerdings wie bloße Statisten. Viele tragen T-Shirts mit dem Slogan einer Partei oder nähen sich Gewänder, die in ihrem Muster eine politische Botschaft zeigen; die Stoffe werden zu bestimmten Anlässen billig auf den Markt geworfen. Spricht man jemanden an auf eine solche Kleidung, dann schaut er verwundert an sich herunter: Oh, was steht denn da?!

Jeden Abend sitzen in den Nachrichten des Staatsfernsehens Malier wie Musterschüler an den Tischen von Workshops und Seminaren; der Ton variiert dazu die Stichworte »Partizipation, Ausbildung, Aufklärung, Frauen« – die Endlosschleife eines Gefälligkeitsdiskurses gegenüber den externen Geldgebern. Dazwischen taucht ein weißes Gesicht auf, der Gesandte von X, die Botschafterin von Y verspricht mehr Hilfe für Partizipation, Aufklärung, Frauen. Noch mehr Hilfe? Es klingt wie eine Drohung.

Der Generalkontrolleur der Regierung präsentiert seinen Jahresbericht: Mehr als 100 Milliarden afrikanische Franc CFA, etwa 150 Millionen Euro, wurden vom Staat unterschlagen, missbraucht oder fehlgeleitet. Das entspricht 70 Prozent aller staatlichen Gehälter, schreibt die Zeitung Les Echos und faucht: »Volksfeindlicher Vampirismus!«

Schätzungsweise ein Drittel der gesamten ausländischen Hilfsgelder verschwindet auf diesem Weg. Im Erziehungsministerium nahm die Korruption jedem malischen Schulkind quasi ein Buch vor der Nase weg. Das Energieministerium verbuchte an einem einzigen Tag den Ankauf von Tee mit Zucker für knapp 17000 Euro. Und das war – Gipfel der Schamlosigkeit! – an einem Sonntag, recherchierten malische Journalisten. Teebeutel heißen in Mali schlicht »Lipton«, nach der üblichen Marke; Lipton ist nun ein Codewort für Korruption.

Am Wahlsonntag kommen die Wähler spärlich. In manchen Wahllokalen ist es so ruhig, dass die Helfer in der Nachmittagshitze schlafend auf die Tische sinken. 94 Parteien sind in Mali registriert. Vierundneunzig! Die meisten sind eine One-Man-Show. Wer Mitglied wird, bekommt zum Parteiausweis ein Handgeld. In der Nationalversammlung wird Französisch gesprochen; das schließt die meisten Malier aus – und auch manche Abgeordnete: Sie können nicht lesen, schon gar kein Französisch. So bringen sie ihre Söhnchen mit zum Übersetzen, dann erzählen ihnen Schulkinder, was in einer Gesetzesvorlage steht.

Die Wahlen sind formal korrekt; die Japaner haben dafür viel Geld gegeben und die Deutschen ihre Expertise. Korrekt ausgefüllte Wahlzettel fallen in korrekt versiegelte Urnen aus korrekt transparentem Plastik. Bloß das Bewusstsein der Wähler, das ist nicht so korrekt. Manche verkaufen ihre Stimme, sie verkaufen sie billig, ohne Gefühl für ihren Wert. Vor den Wahllokalen bauen Kandidaten einen Tisch mit Essen auf, dazu verteilen sie zerknitterte blassrote Scheine, nicht einmal zwei Euro wert, und dafür gibt ihnen der Wähler seine Stimme. Für einen Moment war er kein Statist, er hat partizipiert, auf seine Art. Das ist der Blues der Demokratie, der Bamako-Blues.

In Bambara, der Nationalsprache, heißt Demokratie bäjäfanga, Macht für alle. Davon hatten sie geträumt, die Jugendlichen, die auf der Straße verbluteten beim Aufstand vor 16 Jahren. Jetzt haben sie ein Märtyrerdenkmal auf der Brücke über den Niger.

»Der Drache« wird Amidu Diarra genannt, weil er furchtlos ist und weil er jeden Morgen Feuer speit am Mikrofon von Radio Kledu. Rhythmisch, atemlos ist das Schreien, in das er sich hineinsteigert zu Beginn jeder Sendung. »Guten Tag, ihr korrupten Politiker! Guten Tag, ihr Diebe der öffentlichen Kassen! Guten Morgen, ihr Arbeitsscheuen!« Seit sechs Jahren macht der Moderator sein Programm, seine Sendung ist Kult, die ambulanten Verkäufer von Piratenkassetten schneiden Diarra heimlich mit und verkaufen ihn auf dem Markt.

Radio Kledu ist ein privater Sender; 150 solcher freier Radiostationen gibt es im Land, mehr als irgendwo sonst in Afrika. Das Radio markiert die Schwelle zur großen Welt der kleinen Leute, es öffnet die Tür zu einem anderen Mali.

Amidu Diarra, 45, ist Autodidakt – ein ungeduldiger Raucher, ein ernster, fast düsterer Moralist. Seinen Stil hat er aus malischen Volksliedern entwickelt, aus Liedern, die loben oder tadeln. »Sie sind klar«, sagt er, »schwarz oder weiß, so muss es sein. Ich hasse Lüge und Betrug, ich will klar sein, direkt.« Die Egoisten, die Ehrlosen, die Betrüger aufrufen »und für ihr Benehmen der Gesellschaft gegenüber würdigen«, so beschreibt er das Prinzip seiner Sendung. Meist nennt er keine Namen, seine Hörer verstehen ihn auch so, sie wissen, wer gemeint ist.

Sie wussten es auch an jenem Morgen, als er die Ausgaben der Gattin des Staatspräsidenten geißelte. Die Entführer kamen gleich nach der Sendung, verschleppten Diarra an den Stadtrand, schlugen ihn bewusstlos, ließen ihn im Gebüsch liegen. Später drängten sich seine Fans vor dem Krankenhaus, und als Amidu Diarra wieder auf Sendung war, diskutierte er mit den Hörern live über das Verbrechen. Die Täter, vermutlich Uniformierte in Zivil, blieben unbehelligt. Diarra sammelte selbst Indizien, aber kein Gericht mochte sich der Klage annehmen.

»Den Schutz der Pressefreiheit kann man nicht vom Staat erwarten«, sagt Diarra. Er fährt davon, in einem Auto. Ein wohlhabender Fan hat es ihm geschenkt, nach dem Angriff. Damit der Moderator künftig besser geschützt ist. Die Entführer hatten ihn vom Moped gerissen.

Kleine Münzen der Partizipation. Es war ein brütend heißer Tag im vorigen Jahr. So etwas hatte Mali noch nicht erlebt: Ein Bürgermeister legt vor den Fernsehkameras Rechenschaft ab, er rechtfertigt öffentlich, was er mit dem Geld der Bürger gemacht hat. Issa Doumbia sitzt leicht gekrümmt vor dem Mikrofon, ein baumlanger Mensch, der Schweiß läuft in Strömen von seinem glatt rasierten Schädel, als er sich durch den Haushalt der Gemeinde kämpft. Vor ihm ein paar Hundert Bürger auf Stühlen und Matten, manche greifen ihn an, mit dem wachen Misstrauen der Malier gegenüber allem, was Staat ist. Hat er nicht vielleicht doch etwas gestohlen, der Doumbia?

Vom Morgen bis in den Nachmittag dauert die Versammlung auf dem Marktplatz. Ein paar Tage später wird die Aufzeichnung gesendet, die Leute von Dioro sitzen in Gruppen beieinander – dort, wo es einen Fernseher gibt und einen Generator, denn Dioro hat sonst keinen Strom. Und alle, die sich an diesem Abend selber sehen, haben das Gefühl, an etwas Wichtigem beteiligt gewesen zu sein. Es gibt noch ein anderes Mali, der Bamako-Blues ist nicht alles.

Dioro liegt fünf Autostunden von der Hauptstadt entfernt, ein Marktflecken am Niger, eine von 703 ländlichen Kommunen, die in Mali Mitte der neunziger Jahre geschaffen wurden. Die Macht soll zurückkehren aufs Land – das war eine Vision derer, die damals gegen die Diktatur kämpften. Lange genug, schon seit der französischen Kolonialherrschaft, hat sich die Hauptstadt gemästet, hat vom Land immer genommen, ihm selten gegeben. Auch Entwicklungshilfe, deutsche wie europäische, investiert nun gern in Dezentralisierung. Die örtliche Bevölkerung stärken gegen kranke, korrupte Eliten, das verspricht mehr Nachhaltigkeit als Brunnenbauen.

Die Idee, das Vertrauen der Bürger von Dioro durch offensive Transparenz zu gewinnen, kam von deutschen Entwicklungshelfern. Bürgermeister Doumbia begann damit im lokalen Rundfunk. Am Ende eines jeden Monats macht er auf Radio Jedugu (»Radio Gemeinsam«) einen öffentlichen Kassensturz.

Die Erfahrungen von Dioro gelten nun als Modell: Bürger, die vertrauen, zahlen mehr kommunale Steuern, und sie betrachten die Privatisierung des Staates durch gierige Politiker nicht mehr als Naturgewalt. »Zu viele hohe Funktionäre in Mali sind Diebe«, sagt der Bürgermeister. »Deshalb glauben die Leute etwas nur, wenn sie es mit eigenen Augen sehen. Sie wollen Zeugen sein, was passiert.« Dezentralisierung, sagt er, sei überhaupt die einzige Chance für Mali, sich zu entwickeln. »Auf nationaler Ebene ist der Staat schlicht verdorben.«

Issa Doumbia ist 47 Jahre alt und wohlhabend, sein Reishandel floriert, nebenbei betreibt er noch eine Apotheke. Er habe Politik nicht nötig, sagt er, das verleihe ihm Unabhängigkeit. Wo immer er auftritt, überragt er alle mit seiner langen Gestalt, doch macht ihn das eher ein wenig linkisch. Doumbia ist ein nahbarer, unprätentiöser Mensch, und – in malischem Kontext – ein ganz normaler Mann. Als wir in Dioro eintreffen, hat der Vorzeigebürgermeister der deutschen Entwicklungshilfe gerade eine blutjunge Zweitfrau geheiratet.

Nach örtlicher Sitte verbringt er mit ihr sieben Tage in der Klausur eines »Hochzeitszimmers«, heute ist der siebte Tag, für einen Moment dürfen wir hinein in die eher bedrückend als romantisch wirkende dunkle Kammer aus Lehm. Ein winziges Fenster, schemenhaft ein Moskitonetz, eine Matratze. Das Paar in Weiß gehüllt. Im Dämmerlicht die blanken Augen der Braut, sie sei 18, andere sagen 15. Doumbia wird die Kammer zuerst verlassen, wenn der Morgen graut. Es wird regnen wie aus Kübeln, doch er muss gehen, denn wenn der Mann nicht als Erster geht nach den sieben Nächten, wäre das ein Zeichen, dass die Frau ihn dominiert.

Polygamie ist verbreitet in Mali. Für den Bürgermeister steht sie nicht in Widerspruch zur Demokratie, die er außerhalb seines Hauses gewiss von Herzen verficht. Nach der ersten Nacht mit zwei Frauen unter einem Dach betritt er arglos sein Wohnzimmer in einem Pyjama, dessen violett gemusterter Stoff die Symbole und Slogans des Internationalen Frauentags zeigt.

Ido-ikolola! – Halte dich aufrecht aus eigener Kraft! So lässt sich Dezentralisierung auf Bambara umschreiben. Aber woher kommt die Kraft? Die Regierung hat großzügig Aufgaben nach unten delegiert; um Schulen, Straßen, Wasser und Abfall dürfen sich nun die Kommunen kümmern. Nur das Geld, das soll noch möglichst lange in Bamako bleiben, denn wo das Geld ist, da ist die Macht.

Dioros wichtigste Ressource ist der Markt. 4000 Händler nutzen ihn, viele kommen von weit her. Früher war der Markt schmutzig, und der Kommune brachte er nichts ein. Beides hat sich geändert, dank einer demokratischen Struktur. Einfach war das nicht: Ein Jahr dauerte die Debatte mit den einzelnen Branchengruppen der Händler. Nun wählt die Vollversammlung jeder Händlersparte einen Delegierten, und die Delegierten wählen für ein Jahr ein Komitee, das den Markt leitet.

Am Markttag drängeln sich Gebühreneintreiber mit winzigen Quittungen durch das Gewühl: Umgerechnet acht Cent sind für einen Eselskarren zu entrichten, siebzehn Cent für einen regulären Stand. Die Quittungen bloß nicht wegwerfen! Das haben alle im Radio gehört – damit es keinen Missbrauch gibt. Die acht Cent könnten ja sonst zweimal kassiert werden. Drei Viertel der Einnahmen fließen in den Gemeindehaushalt, vom Rest wird der Markt instand gehalten.

Das Marktkomitee tagt im schattigen Durchgang zwischen zwei Lagerräumen. Sein Sekretär notiert akribisch in einem Schulheft, was der Gebührenchef des Komitees ihm seinerseits aus einem Schulheft vorliest. Das Schulheft ist in Mali ein Erkennungszeichen von Basisdemokratie: Auf seinen Linien werden die kleinen Münzen der Partizipation verzeichnet, mit so viel Akkuratesse und Hingabe, als würde die großkalibrige Korruption andernorts gar nicht existieren.

Wenn Issa Sidibé, der Buchhalter der Gemeinde, auf seinem Moped losfährt, um Steuern einzutreiben, trägt er ein makellos gebügeltes Hemd und frisch geputzte Lederschuhe. Die Kleidung, sagt der 30-Jährige, unterstreiche »die Seriosität des Amts«. So fährt er mit seinem feinen Aufzug durch den Matsch und den Staub jener 30 Dörfer, auf die sich die 48000 Einwohner Dioros verteilen. In jedes Dorf fährt er zweimal, denn niemand kann die Steuern auf einen Schlag bezahlen. Hinten auf dem Moped des Buchhalters sitzt ein Polizist, um den Geldtransport zu bewachen.

Neuerdings verleiht die Gemeinde Dioro Preise an die Dörfer mit der besten Steuermoral: Radiogeräte und Säcke voll Reis. Der Sieger dieses Jahres heißt Sama, ein freundliches Fischerdorf der Bozo-Ethnie, es schmiegt sich eng an den Niger. 1600 Menschen, drei Familiennamen, hundert Prozent Steuerzahler.

Alles ist flach in Sama, einstöckig die Lehmhäuser, nur die Moschee wagt sich ein wenig höher hinaus. Sie leuchtet in warmem Ocker, der Lehm ist zur Ehre Gottes mit guter Sheabutter verrührt worden. Die Dörfler haben die Moschee gemeinsam gebaut, auch sonst machen sie das meiste gemeinsam. Die Fischer haben bei der Wahl denselben Kandidaten gewählt, allerdings stimmten sie nicht für Doumbia, sondern für dessen Konkurrenten. Trotzdem zahlen sie nun mustergültig Steuern an den Bürgermeister, den sie nicht wählten – ein Ausbruch aus dem Klientelismus.

Der Dorfchef holt fünf Schulhefte, die Steuerakten von Sama. Darin haben die fünf Mitglieder seines Dorfrates alle Familiennamen verzeichnet, in arabischer Schrift, die Dorfhonoratioren haben nur eine Koranschule besucht. Wie klein die Raten der Fischer sein dürfen, ist Verhandlungssache, »wir müssen uns untereinander arrangieren«, sagt der Dorfchef entschuldigend. Die Bürger bekommen eine Quittung für jede Rate, ein kleines weißes Kärtchen von einem winzigen perforierten Block. Dass es sich um einen ausrangierten Spendenblock vom Fußball-Afrika-Cup 2002 handelt, tut der Seriosität keinen Abbruch.

Man muss all diese Details kennen, um zu begreifen: Es gibt noch ein anderes Mali, der Bamako-Blues ist nicht alles.

Es kommt zu einem Gespräch über Korruption mit den »Ältesten« von Dioro, jenen alten Männern, die ihre Autorität von Vätern und Großvätern ererbt haben.

Traditionell spricht ein Malier von Rang stets nur durch einen Mittelsmann zum Publikum. Beim Thema Korruption drängt es die Alten, selbst zu sprechen, und dies ist ihre Botschaft: »Wenn es nach uns ginge, wir würden diese Beamten totschlagen! Sie leben von unserem Blut! Die ausländischen Helfer sollen uns das Geld direkt geben, nicht der Regierung, nicht den Behörden. Wenn sie es denen geben, können sie es genauso gut lassen. Die Behörden wollen nur sich selbst entwickeln, nicht das Land.«

Die Hirten, die Bauern und die Basisjustiz. Wie grün kann die Sahelzone sein! Die Regenzeit hat die brettflache Landschaft mit einem hellgrünen Firnis überzogen, ein Wiesenteppich, täuschend dicht von Weitem, von Nahem dünn und löchrig. In wenigen Monaten wird sie wieder eine Totenlandschaft sein, die Bäume wie abgestorben, die Vögel geflohen. Nun stehen, wie seltsam, Kamele vor grüner Kulisse.

Die Reise in den »Busch«, ins Abgelegene, war an der Abstufung der Straßen erkennbar: erst noch Asphalt, dann eine Piste aus roter Erde, und nun ein weicher Sandweg, er windet sich in sanften Kurven, markiert von den Reifen der Eselskarren. Der Eselskarren ist ab jetzt das Maß der Dinge. Zehn Dörfer und kein einziges Auto, das ist die Gemeinde Bellen. Von Nord nach Süd misst sie zwei Tagesreisen im Eselskarren. Drei Tage Eselskarren bis zur nächsten Stadt. Anderthalb Tage bis zu einem Krankenhaus. Kein Strom, kein Telefon. Kein Polizist. Mit dem heiseren, rostigen Schrei der Esel schläft man hier ein, wacht man auf.

Wenn der Sahel, das »Wüstenufer«, ergrünt, dann kommen die Herden, große Herden, manche tausend Rinder stark. Sie kommen von der südlichen Seite des Niger, auf der Suche nach Nahrung ziehen sie monatelang durch die weiten Räume bis hinauf zur Grenze mit Mauretanien. Die Zeit der Herden ist die Zeit der Konflikte zwischen Bauern und Hirten: um das Grün, um das Land, um das Wasser. Am Wüstenufer wirft der Klimawandel die Menschen gegeneinander, und es macht die Sache nicht leichter, dass Hirten und Viehhalter zur Peulh-Ethnie und zu den Mauren zählen, die Bauern hingegen zu den Bambara. Wie hingetuscht stehen die langen dünnen Gestalten der Peulh-Hirten jetzt in der flachen Landschaft; auf dem Kopf ein spitzer Hut, mit einer langen Stange und bizarren tänzerischen Bewegungen dirigieren sie die Herde.

Auch die Gemeinde Bellen ist ein Modell. In der trügerischen Ruhe dieser Einöde muss sich ein neues demokratisches Instrument bewähren. Assistiert von deutscher Entwicklungshilfe, haben die zehn Dörfer auf einer Vollversammlung eine »lokale Konvention« beschlossen, ein Ortsrecht zum Schutz der natürlichen Ressourcen und zur Regelung von Streitigkeiten. Dem Ortsrecht unterliegt, wer hier wohnt, wer seine Tiere durchtreibt oder wer kommt, um heimlich Feuerholz abzutransportieren – ein chronisches Problem in einem Land, in dem fast alle mit Holzkohle kochen. Jedes der zehn Dörfer hat nun ein Komitee, das die Bewachung des Waldes organisiert, Holzdiebe zur Verantwortung zieht und Konflikte mit den Hirten regelt. Und die Gemeinde darf jede durchziehende Herde mit einer Steuer belegen.

Die Regeln von Sozialität und Autorität sind ehern in einem malischen Dorf. Ohne sie zu berücksichtigen, können die neuen demokratischen Instrumente nicht funktionieren. Und so ist bei der Aufgabe, die im Jargon der Entwicklungshelfer schnittig »Ressourcenmanagement« heißt, eine ganz traditionelle Gruppe führend: die Jäger. Nicht nur, weil sie den Busch am besten kennen. Ein malischer Jäger gilt als zuverlässig, diszipliniert und kundig, er ist Bewahrer von Kultur und Hüter spirituellen Wissens.Jäger aus Bellen

In Toima, einem 400-Seelen-Dorf, ist der betagte Chef der Jäger arg schwerhörig; seine Stellung im Ressourcenkomitee berührt das nicht, nur erhebt ein anderer für ihn das Wort. Auch der ist alt, Morike Konaré, ein zierlicher Mann mit sparsamen Gesten und zurückhaltendem Wesen, eine Art Streitschlichter im Dorf. Er zeigt das Tiergefängnis, ein sorgsam abgeschlossener Kral: Wenn durchziehende Herden ein Feld zerstören, werden die Übeltäter hier festgehalten, bis der Besitzer den Schaden beglichen hat. Gegenwärtig ist das Gefängnis leer. Doch alle fürchten die Konflikte zwischen Hirten und Bauern, bei denen es schlimmstenfalls Tote gibt.

Konaré, der Schlichter, erzählt von Toimas letztem großen Fall: 20 Kühe hatten Hirsefelder ruiniert, sie kamen ins Tiergefängnis, bis ihr Besitzer aufgetrieben war. Dann begutachtete eine Abordnung des Ressourcenkomitees den Schaden, gemeinsam mit dem Besitzer des geschädigten Feldes und dem Besitzer der Kühe plus Zeugen. Auf dem Acker wurde verhandelt, bis Einigkeit erzielt war, wie viel der Viehhalter zahlt für den Schaden am Feld und für das Futter im Tiergefängnis: rund 40 Euro. Die Männer des Komitees brechen in Gelächter aus bei der Frage, ob einer von ihnen so viel Geld zu Hause liegen habe. Erst durch diese Heiterkeit begreift man, welch große Sache auf dem Acker geregelt wurde. Als wäre in einer deutschen Kleinstadt ein Mercedes in ein feines Porzellangeschäft gefahren, und die Beteiligten hätten sich ohne Polizei geeinigt.

Basisjustiz gab es in den Dörfern schon früher, die Malier sind berühmt für ihre Gesprächskultur. Im Landesteil der Dogon bewundern Touristen altertümliche Versammlungsbauten, deren Höhe bis zum Dach nur 1,20 Meter misst: Niemand kann hier erregt aufspringen. Moderne Konzepte der Dezentralisierung knüpfen heute wieder an Traditionen an, die der koloniale Zentralstaat verachtete.

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Fotos (c) aramata

Stilgerecht hält das Ressourcenkomitee von Toima seine Sitzungen unter einem Palaverbaum ab, einem Mahagoni, in dem eine Nachtigall nistet. Möglichst viele Rechtskompetenzen an die Basis verlagern, damit könnte auch der Korruption in Malis Justizwesen Nahrung entzogen werden. Ein Bauer, der drei Tage im Eselskarren unterwegs ist, um eine Klage vorzubringen, ist korrupten Beamten ein leichtes Opfer.

Doch das malische Dorf ist auch ein patriarchalischer Ort. Junge Leute nach ihrer Meinung zu fragen ist hier nicht üblich. Die beiden Frauen, die dem Komitee von Toima angehören, werden erst auf Nachfrage hin dazugeholt. Niemand hält es für nötig, sie vorzustellen. Auf die Frage, was Demokratie sei, gibt ein alter Dorfchef im Sahel diese Antwort: »Die Menschen haben keinen Respekt mehr voreinander. Nur wer Bildung hat, genießt Respekt.«

Er sagt es mit leiser, dramatischer Stimme, als verrate er ein furchtbares Geheimnis. Und der Alte hat recht: Er gehört zur letzten Generation derer, die noch die Würde einer Führungspersönlichkeit beanspruchen konnten, ohne den eigenen Namen schreiben zu können.

Für die Jüngeren hat Demokratie die schlanke Gestalt einer Radioantenne, die im Zentraldorf der Sahelgemeinde die niedrigen Bäume überragt. Landradio Bellen, dessen solargetriebene Technik die Deutschen stifteten, ermöglicht für einige Stunden am Tag eine Kommunikation über die engen Grenzen von Familie, Clan und Dorf hinweg. Vor allem hilft das Radio, den Frieden im Sahel zu bewahren. Die Moderatoren entstammen drei Ethnien, einer ist Bauer, die beiden anderen Hirten, und so erfahren die Peulh, die Mauren und die Bambara jeweils in ihrer Sprache, wie sie Kämpfe um Land und Wasser vermeiden können. Ein Radio Multikulti für den Ernstfall.Reporter des Lokalradios von Bellen

Den Moderator Cheikhna Dicko finden wir bei seinen Ziegen. Ein magerer, barfüßiger Hirte mit dem leichten Schritt des Halbnomaden, das Lager seiner Familie ist kaum mehr als ein Bett unter einer Plastikplane, an der der Wind zerrt. Ein Mann mit schlechten Zähnen und stolzem Blick; ein Analphabet, der drei Sprachen spricht und seine Bekanntheit genießt: »Wenn sie mich am Mikrofon brauchen, dann sagen sie es im Radio.«

Die Baumwolle und eine Lektion in Demokratie. Das Taxi rollt stotternd zu einer Minitankstelle, wo das Benzin aus Glasflaschen so fein bemessen verkauft wird wie alter Cognac. Der minimale Fahrpreis ist vorab zu entrichten, erst dann kann der Fahrer das Benzin bezahlen. Eine kleine Einführung in die Ökonomie der Knappheit, in eine Wirtschaft, in der es keine Reserven gibt. Dies ist die Ökonomie der Baumwollregion. Mali zählt zu Afrikas größten Baumwollproduzenten. Wenn es gerecht zuginge in der Welt, dann müssten die Bauern der Region Sikasso in Malis fruchtbar-feuchtem Südwesten in leidlichem Wohlstand leben. Doch es geht ihnen jedes Jahr schlechter.

Die malische Baumwolle ist gut, auch weil sie von Hand gepflückt wird, aber sie bringt denen nichts ein, die mit krummen Rücken über die Felder ziehen. Malis Bauern werden ärmer durch ihre Arbeit. Jahr für Jahr verschulden sie sich mehr, weil der Weltmarktpreis so niedrig ist, dass die Erträge kaum die Kosten für Saatgut, Dünger und die teuren Pestizide decken. Als im Sommer die G8-Staaten in Heiligendamm tagten, tagte in Sikasso Afrikas Gegengipfel der Armen unter einem schlichten Transparent: »Wir lehnen eine Welt ab, auf der die Bauern nicht von den Früchten ihrer Arbeit leben können.«

Jetzt, nachdem der Regen begonnen hat, kommt die schlimmste Zeit, die Französisch sprechenden Malier nennen sie soudure, die Schweißnaht. Es ist die Periode, wenn die Speicher leer sind und die neue Ernte noch aussteht. Soudure, das schmeckt nach Mangel und Darben, es ist die Zeit der Notverkäufe. Die Preise für Ziegen und Kühe sind im Keller, die Bauern verkaufen trotzdem. Sie verkaufen das wenige, was sie neben der Baumwolle haben.

Eine Runde müder, betagter Männer, Familienoberhäupter, hat sich im Raum einer Gemeinde versammelt. Sie sind nicht müde vom Tag, sondern vom Leben und von seiner Aussichtslosigkeit. Hinter ihnen stapeln sich an der Wand die Plastikurnen der vergangenen Wahl, Symbole der Demokratie in transparentem Hellgrau, beklebt mit dem Siegel deutsch-malischer Entwicklungskooperation. Wie lächerlich wirken diese Urnen hier. Als seien sie Spielzeug, das man Kindern gibt, damit sie nicht stören bei den wichtigen Dingen.

Die Bauern am Tisch haben nur eine vage Idee, wie ihr Schicksal aus der Ferne bestimmt wird. Die US-Regierung subventioniert jeden ihrer Baumwollfarmer mit 100000 Dollar im Jahr, eine Summe, für die ein malischer Baumwollbauer etwa tausend Jahre arbeiten müsste.

Sie haben mit ihrem Daumenabdruck dagegen aufbegehrt, sie haben eine Petition an die Welthandelsorganisation geschickt, 800000 malische Bauern und ihre Familien. Mali stehe an vorderster Front im Kampf für einen gerechten Wettbewerb, heißt es seitdem. Aber wie kämpft man mit leeren Händen und den Fesseln der Schulden an den Füßen? Viele Bauern sind gleich dreifach verschuldet, bei der Baumwollgesellschaft, den Banken und untereinander.

Einer der Alten holt das Schuldenbuch seiner Dorfgemeinschaft, wieder ein Schulheft. Und so wie sonst auf dessen Linien die kleinen Münzen der Partizipation notiert werden, addieren sich hier kleine Summen zu großen Dramen. Der schlimmste Verschuldungsfall dieser 26 Dörfer beträgt umgerechnet 500 Euro. Ein Abgrund, in den die anderen schaudernd blicken. Jeder kennt des anderen Last, jede Familie weiß, wie prekär die Nachbarn leben. Und so hält das Leben selbst den Atem an, niemand heiratet mehr, denn nirgendwo wäre eine gute Partie.

Zur Saatzeit sieht man die Alten in der Dämmerung auf den Feldern stehen, einsame Gestalten im weißen boubou, dem traditionellen Gewand. Gestützt auf einen langen Stock, gehen sie die Furchen ab mit dem kontrollierenden Blick des Patriarchen, bücken sich hier und da mit steifen Knochen, um etwas zu richten. Althergebrachte Sorgfalt, nun ein leeres Ritual. Auch die akkurateste Furche wird nur neue Schulden hervorbringen. Und wenn sich dann ein Sohn oder ein Enkel, der die Schule besucht hat, nach Europa aufmacht, gibt ihm der Alte unter Tränen seinen Segen. Was sollte er ihm sonst geben? Wie ihn halten? Aber etwas hat die malische Demokratie auch den Bauern gebracht: Sie sind nicht mehr stumm, sie haben eine Stimme: Vertretungen, Aktivisten, gewerkschaftsähnliche Verbände. Und die Bauern beginnen, wo es möglich ist, sich selbst zu organisieren, an der Basis.

Die Kooperative Faraguaran ist eine von Biobauern. Ein paar Dutzend Männer und Frauen versammeln sich am Sonntagmorgen in der Dorfschule, die eisernen Fensterläden schlagen laut im Wind. An der Wand hängen Papierbögen zum Erlernen der Zahlen von eins bis neun, an der Tafel stehen Berechnungen für den Haushalt der Kooperative. Die Frauen sind als Erste gekommen, sie setzen sich geschlossen auf die rechte Seite des Raums, als seien sie Mädchen in einer echten Schulklasse. Nur die Art, wie die Bäuerinnen ihre schrundigen Hände flach auf die Pulte legen, lässt erkennen, dass sie Papier und Stift nie gehalten haben.

Die wenige Bildung, die in der Bauerngemeinde vorhanden ist, wird effizient eingesetzt: Der Lehrer leitet das Komitee zur Kontrolle der organischen Produktion. Vor Jahren hat die Schweizer Hilfsorganisation Helvetas begonnen, in dieser Region Malis den Umstieg auf Biobaumwolle zu fördern. Nun ist daraus eine unabhängige Bewegung mit 33 Kooperativen und 4500 Bauern gewachsen, das Mouvement Biologique Malien. Helvetas hilft mit Beratung und bei der Vermarktung.

Die Bewegung ist eine Demokratie im Kleinen, jede Kooperative entsendet Vertreter in eine Art Parlament. Darum dürfen die Bauern neben dem »Bio«-Etikett auch jenes für »Fair Trade« in Anspruch nehmen. Beides garantiert ihnen ein deutlich verbessertes Einkommen. Vor allem aber haben sich die Biobauern aus der Schuldknechtschaft befreit, weil sie die teuren Pestizide nicht mehr brauchen.

Die Stimmung in der Schulklasse ist nicht frei von Sorgen, aber doch voller Zuversicht. Bäjäfanga, Macht für alle – vielleicht kann sie nur so entstehen: durch das allmähliche Wachsen kleiner Demokratien, durch schrittweise Ermächtigung von unten. Ermächtigung aber bedeutet: Wissen. Wie etwa kann ein malischer Bauer entscheiden, ob er die gentechnisch veränderte Baumwolle anbauen soll, die ihm gegenwärtig von einer mächtigen Lobby schmackhaft gemacht wird?

Das Regionalparlament von Sikasso wagte ein Experiment und beauftragte mit der Beratung eine Bauernjury. Nie zuvor war ein derart schwieriges Thema direkt an die Basis getragen worden. Acht Monate dauerte die Vorbereitung, mit Geld und Expertise aus der Schweiz und aus England. Die Jurymitglieder wurden von lokalen Komitees in sieben Landkreisen ausgewählt, mit Blick auf die Betriebsgröße und einer Frauenquote. Dann mussten Methoden gefunden werden, Gentechnologie für Analphabeten zu erklären und Begriffe dafür in Bambara zu finden. Fünf Tage lang berieten die 45 Bauern und Bäuerinnen der Jury, hörten Experten aus verschiedenen Ländern. Zwanzig lokale Radiostationen berichteten live aus dem Saal.

Es war ein großes Ereignis, Alidiata Bambe war dabei. Die Bäuerin kommt auf einem betagten Yamaha-Moped zum Gespräch, eine 57-Jährige mit selbstbewusst-kritischem Blick. Ihr gelbes Kleid zeigt die Worte »Liberté, Egalité, Solidarité« im Muster, und Frau Bambe lässt keinen Zweifel, dass sie weiß, was sie trägt. Der Stoff stammt vom Weltsozialforum, Frau Bambe ist eine Globalisierungskritikerin von der Basis.

Sie baut Reis an und Mais, kocht Mangokonfitüre und Tamarindensirup, und nun saß sie also in der ersten Reihe der Bauernjury. Sie stellte viele Fragen, und es waren am Ende die Frauen in der Jury, die das vehementeste Nein zur Gentechnologie formulierten. »Ich bin überzeugt, dass das schädlich ist für uns«, sagte Frau Bambe. »Und wenn doch ein Bauer damit anfängt, dann werden wir ihm das Feld abbrennen.«

Die Agrarmultis, voran der US-Konzern Monsanto, folgten der Einladung, vor der Jury zu sprechen, übrigens nicht. Ihre Lobbyisten stecken malischen Journalisten lieber Geld zu, damit sie Gefälliges über Gentechnologie schreiben. Für Frau Bambe und die anderen Bauern war die Abwesenheit der Multis ein Teil der Lektion in Demokratie.

Die Eisenbahn und der Widerstand. Es gibt verschiedene Wege, wie Menschen ungeachtet ihrer Armut beginnen können, sich als Bürger zu begreifen. Ihnen Rechte zu geben ist ein Weg. Sie ihrer Rechte zu berauben ein anderer. Die Privatisierung der malischen Eisenbahn, das ist eine solche Lektion der zweiten Art.

Die Uhr am Bahnhof von Bamako ist stehen geblieben, das Tor zur Wartehalle verschlossen, der Vorplatz öde und leer. Es kommt nur noch ein einziger Personenzug am Tag, Gras rankt sich um die Schienen. Die Bahn, auf Drängen der Weltbank privatisiert, gehört nun einem französisch-kanadischen Konsortium, und das hat den Betrieb auf denkbar einfachste Weise saniert: Cargo ist profitabler als Mensch. Die meisten Bahnhöfe an der Strecke wurden geschlossen, 26 Orte einfach abgehängt. Zu manchen führt keine Straße. Ein Jahrhundert lang hatte sich entlang der Strecke des Dakar-Niger-Express das Leben im Takt der Züge entwickelt. Nun rauschen sie gleichgültig vorbei, Kleinhandel, Märkte, Gewerbe verkümmern.

Aus der Wut darüber ist Cocidirail entstanden, das »Bürgerkomitee für die Rückgabe der Eisenbahn«: ein Netzwerk von Gruppen entlang der Schienen – Geschädigte, Entlassene, Erzürnte. Und wieder sind Radiosender dabei.

Tiècoura Traoré, den Präsidenten des Komitees, findet man auf dem gespenstisch stillen Bahngelände unter einem Baum, auf dem Schoß einen Laptop, Solidaritätsgeschenk französischer Eisenbahner. Hunderte malischer Bahngewerkschafter wurden bei der Privatisierung gefeuert, der Ingenieur Traoré ist der prominenteste, er war der promovierte Kopf des Widerstands. Seit drei Jahren ist er arbeitslos, und immer noch nennen ihn Eisenbahner »den entlassenen Doktor«, wie mit frischem Erstaunen, dass eine höhere Charge aufseiten der Unterdrückten gelandet ist.

Anderswo bemühen sich Entwicklungshelfer, Maliern bürgerliche Verantwortung für öffentliche Güter nahezubringen. Traoré, 53, muss das niemand erklären. Die Privatisierung der Bahn ist für ihn Enteignung, Diebstahl am Volk und eine Schande für Mali. »Wie kann ein Land, das sich souverän nennt, sein nationales Erbe verkaufen wie einen Sack Nüsse? Und das Parlament wurde nicht einmal gefragt!« Das Publikum einiger Filmfestivals in Europa hat den Ingenieur Traoré in diesem Sommer gesehen.

Im Dokudrama Bamako spielt er einen wortkargen, depressiven Arbeitslosen. Der Film wurde tatsächlich in der malischen Hauptstadt gedreht, in einem Hinterhof, wo die afrikanische Zivilgesellschaft in einem bizarren und pathetischen Prozess Weltbank und Weltwährungsfonds verklagt. Als Arbeitsloser im Film paukt Traoré Hebräischvokabeln – für den Fall, dass Israel je eine Botschaft in Bamako eröffnen sollte. Dann wäre ihm der Job des Türstehers sicher.

Der reale Ingenieur Traoré glaubt an etwas, das manchen so absurd erscheinen mag Hebräischlernen in Mali. Eine solidarische Ökonomie. Ein Zusammenleben, das nicht von den Regeln des Profits bestimmt wird. Bäjäfanga, Macht für alle. Wenigstens eine Eisenbahn für alle. Eine Bahn für Bürger.

Im Abendlicht staksen Ziegen über die stillen Gleise. Kein Zug in Sicht.

© 2007 DIE ZEIT

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Herzlichen Dank,Charlotte Wiedemann, für diese faszinierende Schilderung!

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Ein Gedanke zu “Die Pressefreiheit in Gefahr und das andere Mali – ein Essay

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